Ernährungskultur Das große Fressen

Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral: Wenn nicht mehr Tiere sondern Fleischbatzen gezüchtet werden, haben wir den Respekt verloren. Zehn Ess- und Trinksprüche zum Dioxin-Skandal.

Von Heribert Prantl

Das Schlaraffenland war das Utopia der kleinen Leute. In den Jahrhunderten, in denen der Hunger zum Alltag gehörte, erträumten sich die Menschen eine essbare Welt. Sie träumten von Reisbergen, von Bächen voller Wein, von Häusern aus Lebkuchen und von Bäumen, an denen gebratene Kapaune hängen. Wer hungert und darbt, der träumt vom Überfluss.

Märchen sind ein Spiegel des Lebens von Generationen. Ganz viele handeln vom Essen, von der Nahrungssuche, von Hungersnöten. Die jahrhundertelang immer wiederkehrenden Notzeiten haben die Träume vom Schlaraffenland und vom Tischleindeckdich geboren. Die Erfahrungen, die hinter diesen Volkserzählungen stehen, sind verblasst; sie sind so verblasst wie die Bitte im Vaterunser: "Unser tägliches Brot gib uns heute". Die christliche Gebetsformel wird hierzulande kaum noch als existentiell begriffen.

Aus Dinkel und Hafer bäckt man heute nicht das Brot der Armen, sondern das der gutsituierten Alternativen. Und der Traum der kleinen Leute ist zum Albtraum der Agrarpolitik geworden: Schweineberge lassen niemandem mehr das Wasser im Mund zusammenlaufen. In einer Welt des Überflusses liegen die Schlaraffenländer an jeder Ecke; sie heißen Lidl und Aldi und Tengelmann. Auf Nachrichten über den Hunger, auf Nachrichten darüber, dass Menschen verhungern, reagiert die Wohlstandsgesellschaft nicht sehr viel anders, wie es der französischen Königin Marie-Antoinette nachgesagt wird. Am Vorabend der Französischen Revolution soll sie gesagt haben: "Wenn die Bauern kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen." Es handelt sich in Wahrheit um eine Wanderanekdote, um eine Anekdote freilich, die ein Wohlstandsdenken gar nicht schlecht beschreibt.

Der Brotpreis hat jahrhundertelang, bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das Leben der Menschen bestimmt. Als am 14. Juli 1789 in Paris arbeitslose Handwerker die Bastille erstürmten, hatte der Brotpreis den höchsten Stand seit dem Mittelalter erreicht. Eine fünfköpfige Maurerfamilie des Jahres 1800 in Berlin musste 72,7 Prozent des Familieneinkommens für Ernährung ausgeben, davon über die Hälfte für Brot. So schreibt es Fernand Braudel in seiner Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts.

Verglichen damit, auch noch verglichen mit den Preisen, die vor fünfzig Jahren bezahlt werden mussten, sind Lebensmittel heute unvorstellbar billig. Vor fünfzig, sechzig Jahren gab ein deutscher Haushalt im Durchschnitt etwa die Hälfte seines Budgets für Nahrungsmittel aus, heute sind es an die zwölf Prozent. Das ist auch im europäischen Vergleich wenig. Die Deutschen essen besonders billig. Brot und Butter, Fleisch und Fisch sind Massenprodukte geworden. Man kann das als soziale Errungenschaften betrachten: Niemand muss mehr verhungern. Doch dieser Errungenschaft ist die Lebensfreundlichkeit abhandengekommen: Essen soll billig sein, ohne Rücksicht auf die Natur, ohne Rücksicht auf die Tiere und letztlich ohne Rücksicht auf die Menschen.

Derzeit liegt der jährliche Konsum des statistischen deutschen Durchschnittsbürgers bei gut neunzig Kilo Fleisch, was im gesamten Leben eines Menschen der Verantwortung für den Tod von etwa 600 Hühnern, 22 Schweinen, 20 Schafen und sieben Rindern entspricht. Das Kilo Schweinefleisch kostet im Supermarkt kaum mehr als drei Euro - dank Massentierhaltung. Mit Hilfe von Pestiziden und Dünger wird aus dem Boden herausgeholt, was nur irgendwie herausgeht, so wird der Getreidepreis gedrückt. Der Schaden für die Umwelt spielt dabei keine Rolle. Und die Milchbauern bekommen von den Discountern so wenig Geld für ihre Milch, dass sie in den nächsten Jahren ihre Betriebe zusperren müssen. Die Art, wie die Deutschen essen, hat ihren Preis. Der Preis ist billig, aber nicht recht.

Guten Appetit

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