Erinnern Die erste Vertreibung

Deutschland braucht endlich ein Exilmuseum, in dem die Geschichte der Vertreibung zentral behandelt wird. Deshalb lud die Nobelpreisträgerin Herta Müller in der Hauptstadt zu einem Gespräch.

Von Jens Bisky

"Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben", erklärte kaltschnäuzig Herbert von Buttlar, Generalsekretär der Akademie der Künste, Berlin (West), als die Dichterin Mascha Kaléko 1959 den ihr zugedachten Fontane-Preis ablehnte. In der Jury hatte der ehemalige SS-Mann Hans-Egon Holthusen gesessen. Kaléko, die 1938 nach New York emigriert war, konnte den Preis aus diesen Händen nicht annehmen, so gut sie auch das Preisgeld hätte gebrauchen können. "Emigranten-Monolog" heißt eines ihrer Gedichte aus dem Jahr 1945: "Ich hatte einst ein schönes Vaterland - / so sang schon der Flüchtling Heine. / Das seine stand am Rheine, / das meine auf märkischem Sand. // Wir alle hatten einst ein (siehe oben!), / Das fraß die Pest, das ist im Sturz zerstoben. / O Röslein auf der Heide, / dich brach die Kraft durch Kraftdurchfreude."

Hunderttausende mussten vor dem Terror des Dritten Reiches, vor der Mordlust ihrer Verfolger und der Niedertracht ihrer Nachbarn fliehen, Dichter, Maler, Komponisten, Ärzte, Anwälte, einfache Leute, deren Namen keiner mehr nennt, Sozialdemokraten, Kommunisten. "Ein Mensch fällt aus Deutschland" hieß der Roman, in dem der Berliner Konrad Merz 1936 die Leiden des Exils, den zermürbenden Alltag schilderte. "Menschen fallen aus Deutschland" war 2011 der Offene Brief der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller an die Bundeskanzlerin überschrieben: Sie forderte dazu auf, in Deutschland einen Ort möglich zu machen, "in dem an die Erfahrungen des Exils, an die erste Vertreibung würdig gedacht werden kann".

Es fehlt ein zentraler Ort des mitfühlenden Gedenkens in der Hauptstadt

Daraufhin wurde 2013 die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil" freigeschaltet. Es gibt seit Jahrzehnten eine spezialisierte Exilforschung und inzwischen einige Institutionen, die sich diesem Kapitel der deutschen Geschichte widmen: etwa das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 in der Deutschen Nationalbibliothek, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Archiv der Berliner Akademie der Künste, das Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen. Aber all das füllt die Lücke nicht. Die aus Deutschland ins Exil Vertriebenen gelten auch heute nicht als Opfer des Nationalsozialismus. Es fehle ein zentraler Ort des "mitfühlenden Gedenkens", sagte Ernest Wichner, der Leiter des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße, am vergangenen Freitag zur Eröffnung einer Tagung über eben einen solchen Ort.

Zusammengekommen war man auf Initiative Herta Müllers. Gerade war die Nachricht von der Rettung der Thomas-Mann-Villa in Los Angeles eingetroffen (SZ vom 18. November). Sie sei froh, so Herta Müller, dass Deutschland das Haus von Thomas Mann in Los Angeles kaufen konnte: "Es ist ein guter, kleiner Schritt zur Erinnerung an die Vertreibung aus Deutschland hinaus. Vielleicht können wir heute dazu beitragen, dass bald ein großer Schritt folgt: ein Museum des Exils."

Am Beispiel Ovids, in Erinnerung an den viel gereisten Odysseus und die alttestamentarische Erzählung vom Exodus, mit Blick auf Thomas Mann, Karl Wolfskehl, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Anna Seghers und viele mehr skizzierten der Publizist Micha Brumlik und der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer ein Panorama der Exilerfahrungen. Rasch wurde klar, dass es nicht sinnvoll ist, das Exilmuseum zu überfrachten. Gewiss können auch die Emigration aus der DDR, können Exil und Migration in der Gegenwart eine Rolle spielen. Aber dies sei dann, so Herta Müller, doch etwas ganz Anderes. Im Kern müsse es um die Opfer der ersten Vertreibung gehen, auch um das Exil nach dem Exil, um Verschweigen, Verhöhnen und Benachteiligen nach 1945.

"Das wird nie wieder, wie es war, wenn es auch anders wird."

Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und der erfahrene Museumsmann Christoph Stölzl hatten sehr konkrete Vorschläge. Das Museum müsse in Berlin liegen, sagte Stölzl. Er schlug die Gegend um den Anhalter Bahnhof vor, der ein Emigrationsbahnhof war: Von dort aus fuhren die Züge nach Wien und Paris. Zu erzählen wären in diesem Haus die Lebensgeschichten der Emigranten. Vermittelt werden müsse, so Christina von Braun, was Exil existenziell bedeutet hat: Pässe, Stempel, Koffer. Die "Krankheit Exil" solle erfahrbar werden.

Die Emigranten und ihre Schicksale waren sehr verschieden. Auch deshalb gibt es den Ort, an sie zu erinnern, bis heute nicht. Der Kurator Jürgen Kaumkötter vom Solinger Zentrum für verfolgte Künste sagte, die Exilanten hätten bis heute keine Lobby. Er wisse nicht, so Stölzl, wie man das "politisch eintütet". Aber Herta Müller habe den Weltruhm: Wenn sie anrufe, werde das Telefon abgenommen.

Eigentlich, muss man ergänzen, ist das ein Thema für das Goethe-Institut und den Bundespräsidenten. Wer sonst sollte sich dessen annehmen? Die Exilerfahrung ist ein Bruch, der nicht mehr heilt. Mascha Kaléko schloss ihren "Emigranten-Monolog" im Jahr 1945 so: "Das wird nie wieder, wie es war, / wenn es auch anders wird. / Auch wenn das liebe Glöcklein tönt, / auch wenn kein Schwert mehr klirrt. // Mir ist zuweilen so, als ob/ das Herz in mir zerbrach. / Ich habe manchmal Heimweh. / Ich weiß nur nicht, wonach".