Von Götz Aly

Hans Magnus Enzensberger erzählt in seinem neuen Historienroman die Geschichte des Kurt von Hammerstein - und warum die Weimarer Republik der "Anfang einer Fehlgeburt" gewesen sei.

Hans Magnus Enzensbergers neueste Dokumentenmontage handelt diesmal weder von fernen Wirren noch von wohlmeinend kolportiertem Revolutionsdrang, sondern von einer "sehr deutschen Geschichte". Der Held heißt Freiherr Kurt von Hammerstein-Equord. Er wurde 1878 in Mecklenburg-Strelitz geboren und starb 1943 zu Berlin-Dahlem im Krankenbett. Dazwischen lag die auf Druck des wenig bemittelten Vaters beschrittene Laufbahn eines preußischen Offiziers: Hauptkadettenanstalt Berlin-Lichterfelde, 3. Garderegiment zu Fuß, Kriegsakademie, Kompaniechef in Flandern, Großer Generalstab.

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Hans Magnus Enzensberger schimpft über die Weimarer Republik. (© Foto: dpa)

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Als weitere Protagonisten treten in Enzensbergers Buch "Hammerstein oder der Eigensinn" die vier Töchter und drei Söhne auf, mit denen die Ehe zwischen Maria und Kurt von Hammerstein gesegnet war. Zwei wurden später Kommunisten, zwei andere stießen zum konservativen Widerstand gegen Hitler. Für die Nazis erwärmte sich in dieser Familie keiner, doch waren die Kontakte ins rechte und antirepublikanische Milieu vielfältig. Zum Nachteil der geschichtlichen Balance und womöglich aus autobiographischen Gründen belichtet Enzensberger die kommunistischen Verwicklungen der Hammersteins grell und ausführlich.

Sein aus allerlei Originaldokumenten, fiktiven Dialogen und den Meinungen von Zeitgenossen zusammengefügter Text verfranst sich im militärpolitischen Apparat der KPD, in den stalinistischen Terrorjahren und schließlich im Stasi-Sozialismus der DDR. Demgegenüber bleiben das Hitlerianertum der Hammerstein-Freunde Otto Wolff oder Edwin Bechstein eigentümlich blass. Für den nazistischen Terror interessierte sich Enzensberger noch nie besonders.

Im Jahr 1930 stieg Kurt von Hammerstein zum Chef der Heeresleitung auf, also zum obersten Soldaten der ersten deutschen Republik. 1933 stellten ihn die Günstlinge Hitlers kalt. Bald drängten sie ihn aus dem Amt. Seit 1928 hatte Hammerstein die geheimen, nach dem Versailler Vertrag verbotenen deutsch-sowjetischen Rüstungsprojekte forciert.

Entschlossenheit - die einzig wahre Tugend

Als sein Schwiegervater, General Walther von Lüttwitz, 1919 den Kapp-Putsch in führender Funktion anzettelte, verweigerte Hammerstein die Gefolgschaft und brach mit ihm für immer. Von Lüttwitz, der nach dem gescheiterten Staatsstreich in den Untergrund abtauchte, bemerkte über seinen Schwiegersohn: "Er wurde nach dem Kriege Opportunist, und da stießen wir aufeinander."

Hammerstein litt stets an Geldmangel, liebte Cognac und gute Zigarren. Er zog die Jagd dem Aktenstudium vor, pflegte einen mäßigen Antisemitismus ("Hoffentlich werden wir Hitler bald los, damit ich wieder auf die Juden schimpfen kann") und erfreute sich bewundernswerter Intelligenz. Sie minderte seine Entschlossenheit, und das in einer Zeit, in der Entschlossenheit von Ernst Jünger bis Bert Brecht, von Adolf Hitler bis Clara Zetkin als die einzig wahre Tugend galt.

Folgt man der These, die Weimarer Republik sei an denjenigen zugrunde gegangen, die sich vor dem Entschlossenheitswahn ekelten und deshalb unentschlossen wurden, dann gehörte Hammerstein zu den herausragenden Repräsentanten dieser Spezies. Er verkörpert den tragischen Helden Tatenlos. Das Tempo und der (national-) revolutionäre Wille der Zeit ließen ihn erstarren und knapp bemerken: "98 Prozent des deutschen Volkes sind eben besoffen."

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Enzensberger literarisch versagt.

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