Diese Kontroverse wurde 1969 und 1973 durch grundlegende Arbeiten des amerikanischen Psychologen Arthur R. Jensen ausgelöst, von dem Enzensberger erstaunlicherweise keine Notiz nimmt - "Tolpatsch Eysenck", den er dafür wieder hervorzieht, war lediglich Claqueur dieser Szene. Schade auch, dass Enzensberger die große Minnesota-Zwillingsstudie unter Thomas Bouchard (1994) nicht erwähnt, die eine hohe Erblichkeit der Intelligenz nahelegt und eine Wende in der Debatte um Vererbung oder Umwelt brachte. Sie warf zudem erneut die Frage auf, ob oder inwieweit sich der Intelligenzgrad steigern lässt.

Anzeige

Enzensberger, und darin ist seine Pirsch "Im Irrgarten der Intelligenz" durchaus aktuell, geht es vornehmlich darum, dass die Lächerlichkeiten, Absurditäten oder Irrläufe der Intelligenzforschung, etwa die umstrittene Konstruktion "kulturfreier" Tests, nicht durch wissenschaftliches Getue kaschiert werden.

Und wenn denn eine so ominöse, Verursachung mit Korrelation meist verwechselnde, Feststellung zuträfe, ein hohes Einkommen sei mit einem hohen IQ gekoppelt - wären dann die Ackermänner die Intelligentesten im Lande? Enzensberger sieht, im Abschnitt unter dem seufzenden Titel "Ach ja, die Elite!", den eindimensionalen Typ des "hellen Kopfs" und Knoblers prämiert (den übrigens schon Goethe heraufkommen sah), der, eher Karikatur seiner selbst, im Club "Mensa International" sein Zuhause hat, mit einem so hohen IQ, wie ihn nur zwei Prozent einer Population aufweisen. Wie tröstlich ist da Enzensbergers Eloge an die Dummheit, "die du dich in deiner Schlauheit/ dümmer stellst als du bist ..."

Intelligentes Büchlein ohne Intelligenz-Definition

Aber, überdenken wir unser Unwissen im vorliegenden Fall - wissen wir denn was Elektrizität, Gravitation, was Leben "eigentlich" ist? Überfordern wir uns nicht mit solch essentialistischen Fragen nach dem "Wesen" einer Sache? Aber immerhin, Enzensberger führt uns noch einmal vor Augen, dass jedenfalls die kesse oder verzweifelte instrumentelle Definition "Intelligenz ist, was die Intelligenztests messen", oder die vage Umschreibung, sie sei die rasche Einstellung auf neuartige Situationen, niemanden zufriedenstellen können.

Der Reiz dieses Büchleins liegt nicht zuletzt darin, dass Enzensberger es geschrieben hat. Als einer der intelligentesten unter unseren Schriftstellern, ein Poeta doctus, hat er, in den Fußstapfen seiner klassischen und romantischen Vorväter, schöngeistiges und wissenschaftliches Denken stets in Balance gehalten.

Erinnert sei etwa an den schönen Band "in Poesie und Prosa": "Die Elixiere der Wissenschaft". Seine Skepsis gegenüber gewissen szientifischen Ver-messenheiten trifft sich mit der Kants, der ja meinte: "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden." Daraus ergibt sich Enzensbergers Schluss: "Wir sind eben nicht intelligent genug, um zu wissen, was Intelligenz ist". Immerhin, möchten wir hinzufügen, immerhin sind wir intelligent genug, um zu wissen, dass wir nicht intelligent genug sind, um zu wissen ...

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 59 Seiten, 7 Euro.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Der Dummheitsquotient
  2. Sie lesen jetzt Seite 2
Leser empfehlen 

(SZ vom 22.11.2007/jkr)