Von Burkhard Müller

In Griechenland brennen die Bäume. Wenn man dort nicht anfängt, den Wald als Wald zu begreifen, wird man ihn verlieren.

Die großen alten Literaturen des Mittelmeerraums lieben die Bäume. Unbeweibt nennt Horaz die Ulme, an der sich kein Weinstock emporrankt, und die Bergesche hört er aufächzen im Sturm. Stolz berichtet die Tanne Catulls, ein lyrisches Ich, von ihrem Dasein auf den Bergkämmen, wo sie ihr schönhaariges Laub schüttelte, ehe sie sich in ein Schiff verwandelte. Odysseus fällt den Olivenbaum in seinem Haus nicht, sondern baut sorgsam aus ihm und um ihn herum sein Ehebett.

Wenn in Deutschland der Wald brennt, trifft es die Menschen ins Herz - Italiener und Griechen sehen das anders. (© Foto: ddp)

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Philemon und Baucis, die beiden gastfreundlichen Alten, erbitten sich von den Göttern nur eins: dass nicht einer den anderen bestatten muss; und so wird die Gattin in eine Linde, der Gatte aber in eine Eiche verwandelt; beide berühren sich, heißt es in Ovids Metamorphosen, mit der Rinde wie mit Lippen. Aus dem Rauschen einer Eiche weissagt Zeus in Dodona, dem Apoll aber ist der Lorbeer heilig. Dem Lorbeer, "laurus", bildet Petrarca den Namen seiner Laura nach und kann sich nicht genugtun an den süßen Wortspielen, die sich daraus ergeben.

Diese Bäume haben alle eines gemeinsam: Sie glänzen durch die Abwesenheit des Waldes. Der Wald bleibt den mediterranen Kulturen immer fremdes Gelände, nicht unheimlich wie dem deutschen Märchen, das sich in ihm so gerne gruselt, eher unheimisch. In Germanien fällt dem Historiker Tacitus nichts so auf wie die Wälder. Wie kann man dort leben? fragt er verständnislos, und findet nur eine Antwort: Man muss dort geboren sein.

Abenteuerlust

Das fanden die deutschen Romantiker aufschlussreich, als sie ihr deutsches Herz im Hass gegen Napoleon entdeckten, und empfahlen, eine Militärgrenze aus dichtem Wald nach Frankreich hin anzulegen, die sich ihr Vorbild an der "Germania" des Tacitus nahm; in solchem Gelände müssten die welschen Armeen unweigerlich umkommen wie im Teutoburger Wald die Legionen des Augustus. (Dieses Programm wurde in den Aufforstungsaktionen des 19. Jahrhunderts zu erheblichen Teilen umgesetzt.)

Das lateinische Wort für Teutoburger Wald ist "saltus Teutoburgiensis"; saltus wird von den Wörterbüchern mit "Waldgebirge" wiedergegeben. Untrennbar verschlingen sich in dieser Vokabel die Qualitäten des Baumbestands und des rauen, abweisenden, siedlungsfeindlichen Terrains. Das Land Italiens ist dreigeteilt, mit messerscharfer Präzision: Auf die meist ziemlich eng umschriebene, restlos vernutzte Ebene folgen die Hügel mit ihren Beständen aus Wein, Ölbäumen und Zypressen, dann kommt plötzlich das Bergland, das sich nur auf seiner innersten Talsohle für den Menschen öffnet und sonst, mit erstaunlich steilen und hohen Waldhängen, fast komplett sperrt.

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