"Das deutsche Sommermärchen wird verlängert": Die Fußball-Europameisterschaft 2008 wird frei empfangbar bei ARD und ZDF gespielt - für 115 Millionen Euro.
Am Freitag der vergangenen Woche bemühten sich die Verhandlungsführer der Agentur Sportfive ein letztes Mal um Schadensbegrenzung. Für 122 Millionen Euro, boten sie an, seien 27 Spiele (von 31 Spielen) der in Österreich und der Schweiz stattfindenden Fußball-Europameisterschaft 2008 verfügbar. Doch ARD und ZDF, vertreten durch die gemeinsame Sportrechtefirma Sporta, ließen wohl ausrichten: 115 Millionen oder gar nichts. So hörte man es jedenfalls aus ARD-Kreisen.
(© Foto: Reuters)
Anzeige
Dann ging alles ganz schnell. An diesem Montag meldete ZDF-Intendant Markus Schächter Vollzug: Zwar handele es sich um eine Entscheidung in letzter Minute, aber "das deutsche Sommermärchen wird verlängert". Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat sich Sportfive ein Jahr vor EM-Eröffnung auf die 115 Millionen Euro eingelassen. Im Preis enthalten sind außer den 27 Spielen noch die Highlightverwertung aller 31 Partien, die Hörfunkrechte, eine unverschlüsselte Satellitenausstrahlung und das Recht, die EM auf allen Verbreitungswegen zu zeigen - also über Kabel, Satellit, DVB-T, IPTV und überhaupt im Internet.
Refinanzierung ausgeschlossen
Monatelang hatten die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit Sportfive gerungen. Das in Paris ansässige Unternehmen mit Niederlassungen in Deutschland, Italien und Argentinien vermarktet die EM für den europäischen Fußballverband Uefa. Bereits am 27. April berichtete die SZ, dass ARD und ZDF sich auf die Obergrenze von 115 Millionen Euro festgelegt hatten. Zusätzlich hinterlegten sie eine Offerte für ein Modell mit 20 Spielen (60 Millionen Euro), an dem ein dritter Sender - interessiert war RTL - mit acht Partien beteiligt worden wäre. RTL hätte dafür circa 32 Millionen Euro bezahlen sollen - und auch bezahlt.
Für Sportfive war das EM-Geschäft auf dem deutschen Markt von Anfang an kompliziert. Ursprünglich hatte sich auch die EBU, die Europäische Rundfunk-Union (mehr als 70 Sender, die einen öffentlichen Informationsauftrag haben), um die TV-Rechte der EM 2008 beworben. Der Anteil von ARD und ZDF am Gemeinschaftsangebot lag bei 150 Millionen Euro. Das wussten die Sportfive-Manager und kalkulierten forsch. Im Businessplan, der auch dem Uefa-Präsidenten Michael Platini vorgelegt wurde, war mit 160 Millionen Euro aus Deutschland gerechnet worden. Intern soll Sportfive auf 175 Millionen Euro gekommen sein: Zu den 150 Millionen, die ARD und ZDF bereit waren, in den EBU-Topf zu stecken, prognostizierte man wohl 25 Millionen Euro von einem Pay-TV-Kanal. Sollte über Businessplan abgeschlossen werden?
Bald zeigte sich, dass die Lage falsch bewertet worden war. Weil die Uefa vorschrieb, dass der überwiegende Teil des Turniers frei empfangbar sein müsse - vom Viertelfinale an jedes Spiel -, stieg Premiere früh aus. Premiere-Boss Georg Kofler schätzt Rechte nur, wenn sie exklusiv sind. Allein Exklusivität, glaubt er, werde Menschen überzeugen, Kunden (derzeit angeblich 3,3 Millionen) seiner Pay-TV-Plattform zu werden. Die vier Parallelspiele der letzten Gruppenphase exklusiv verbreiten zu können, reichte Kofler nicht. Auch Premiere Konkurrent Arena zögert. Arena vermarktet sich beim Verbraucher über die Bundesligarechte. Eine Europa- oder Weltmeisterschaft ist im Bewusstsein der Deutschen immer noch ein öffentlich-rechtlicher Programmschwerpunkt. Vor Herbst, heißt es aus Verhandlungskreisen, ist nicht mit einer deutschen Pay-TV-Lösung zu rechnen.
Beugen musste sich Sportfive vor allem der kompromisslosen Haltung von Sporta-Geschäftsführerin Dagmar Brandenstein. Brandenstein lehnte für ARD/ZDF offensichtlich die Eingangssumme von 150 Millionen Euro ab und später auch 130 Millionen. Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff hält deshalb "die Konditionen", 115 Millionen Euro, für "vertretbar". Dazu, sagt Manfred Loppe, der RTL-Sportchef, könne er nur sagen: "Das wahre Pay-TV hat gesiegt." Das wahre Pay-TV als gebührenfinanziertes System. Beinahe 4,3 Millionen Euro muss man sich für ein EM-Spiel jedenfalls leisten können. Refinanzierung ausgeschlossen.
(SZ vom 19.6.2007)
Umweltstiftung WWF in der Kritik