Entscheidung bei der Berlinale 2013 Zu gut für den Goldenen Bären

Paulina Garcia mit dem Silbernen Bären: Vielleicht kostete diese Ehrung ihrem Regisseur Sebastián Lelio den Hauptpreis des Festivals. Natürlich nur rein spekulativ.

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Die diesjährige Berlinale-Jury war sichtlich um Ausgewogenheit bemüht und verteilte ihre Bären so gut wie möglich - für jeden verdienten Film fiel was ab. Doch es hätte auch anders laufen können.

Von Paul Katzenberger, Berlin

Die diesjährige Berlinale-Jury war sichtlich um Ausgewogenheit bemüht und verteilte ihre Bären so gut wie möglich - für jeden verdienten Film fiel was ab. Doch es hätte auch anders laufen können.

Als der rumänische Regisseur Cristi Puiu im vergangenen Jahr Präsident der Jury beim Filmfestival in Wiesbaden war, schockte er bei der Preisverleihung die geladenen Gäste mit der Aussage, dass er nun etwas machen müsse, was eigentlich unmöglich sei. Nämlich, durch einen Jury-Entscheid, den besten Film auszuzeichnen.

So provokativ die Aussage ist, bringt sie doch eine berechtigte Skepsis an Jury-Entscheidungen zum Ausdruck. Denn künstlerische Leistungen lassen sich anders als im Sport nicht ohne weiteres vergleichen und nach Hundertstelsekunden bemessen.

Wenn vor diesem Hintergrund so unterschiedliche Leute wie Wong Kar-Wai (Licht-Ästhet) und Andreas Dresen (nüchterner Erzähler) in einer Jury sitzen, und ihre Entscheidung so wenig Widerspruch auslöst, wie bei der Verteilung der silbernen und des goldenen Bären bei dieser Berlinale, dann sind wohl tatsächlich die besten Filme ausgezeichnet worden.

Und so war es auch: Die Entscheidung der Berlinale-Jury, die Bären an Calin Peter Netzer (für die Regie in "Child's pose"), Paulina Garcia (für ihre Rolle in "Gloria"), Nazif Mujic (für seine Rolle in "An episode in the Life of an Iron Picker"), Aziz Zhambakiyev (für die Kameraarbeit in "Harmony Lessons"), Jafar Panahi und Kamboziya Partovi (für das Drehbuch von "Pardé") und Danis Tanovic (für die Regie in "An episode in the Life of an Iron Picker") zu geben, ging insgesamt voll in Ordnung. Wirklich alle, die in diesem Wettbewerb in irgendeiner Weise für eine Ehrung in Frage kamen, wurden bedacht. Nur der Silberne Bär an David Gordon Green für seine Regie in "Prince Avalanche" kam etwas überraschend, und dass Tanovics dokumentarischer Roma-Film zwei Ehrungen abbekam, war vielleicht zu viel des Guten.

Bleibt die einzige Frage, warum nicht "Gloria"-Regisseur Sebastián Lelio mit dem Goldenen Bären im Gepäck dereinst nach Chile heimreisen wird (er wohnt gerade noch für ein paar Monate in Berlin), sondern lediglich seine Hauptdarstellerin Paulina Garcia mit dem Silbernen Bären. Denn "Gloria" und "Child's pose" waren die beiden besten Filme des Wettbewerbs und begegneten sich auf Augenhöhe.

Fast könnte man glauben, dass Garcia einfach zu gut war, um sie nicht persönlich zu ehren. Wäre sie nur einen Tick schlechter gewesen als die ebenfalls brillante Luminita Gheorgiu in "Child's Pose", wäre vielleicht alles anders herum gelaufen. Dann hätte möglicherweise Lelio den Goldenen Bären bekommen, Gheorgiu den Silbernen und Netzer wäre der Hauptpreis des Festivals versagt geblieben. Das ist zwar ein irgendwie absurder Gedanke, denn das hieße, dass Lelio Opfer der starken Leistung seiner eigenen Hauptdarstellerin wurde.

Völliger Unsinn muss diese Spekulation dennoch nicht sein. Denn die Proporz-Entscheidungen von Jurys fallen immer wieder auf diese Weise aus. In Wiesbaden war die Entscheidung im vergangenen Jahr im Übrigen keineswegs so ausgewogen wie jetzt in Berlin.