Entlang der Donau Stromaufwärts

Für die meisten Menschen ist die Donau ein Fluss, der in Budapest aufhört. Nick Thorpe hat ihn vom Delta in Rumänien bis zum Zusammenfluss in Donaueschingen bereist. Er bringt dem Leser die Menschen nahe, die dort leben.

Von Hans Gasser

Ein bisschen Walzer, ein bisschen Fahrradfahren von Passau nach Wien, vielleicht mal ganz verwegen mit dem Schiff von Wien nach Bratislava fahren, aber abends natürlich wieder zurück: Für die meisten Menschen ist die Donau ein Fluss, der spätestens in Budapest aufhört und wenn, dann in Fließrichtung befahren wird.

Nick Thorpe, Korrespondent der BBC für Osteuropa, hat es andersherum gemacht. Er begann seine Reise im Donaudelta in Rumänien und fuhr in mehreren Etappen im Zeitraum von zwei Jahren immer weiter nach Nordwesten, bis er schließlich in Donaueschingen, am Zusammenfluss von Brigach und Breg, nach 2800 Kilometern Flussstrecke, an ihrer Quelle ankommt.

Thorpe reist stromaufwärts wie der Stör, dieser älteste und mächtigste Fisch der Donau, "um ein neues Licht auf den Strom zu werfen, so wie aus dem Osten kommende Menschen ihn sehen". Schließlich sei Europa von Osten her besiedelt und zivilisiert worden. Schon 4000 vor Christus habe es dort größere Städte gegeben und vollendete Kunstwerke wie die "Göttin von Hamangia" und den "Denker", zu einer Zeit, als "die meisten Bewohner Festlandeuropas in kleinen Stämmen lebten und in feuchtkalten Höhlen an Knochen nagten".

Nick Thorpe: Die Donau. Eine Reise gegen den Strom. Paul Zsolnay Verlag Wien 2017, 384 Seiten, 26 Euro, E-Book 19,99 Euro.

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Und genau das macht das Buch so spannend und verdienstvoll, dass Thorpe die marginalisierten und wegen ihrer wirtschaftlichen Probleme oft verspotteten Menschen und Länder Südosteuropas in den Mittelpunkt rückt. Ein großer Teil des Buches spielt in Rumänien, Bulgarien und Serbien. Weil der Autor sich nicht zu schade ist, mit ganz gewöhnlichen Menschen zu reden, lernt man sehr viel über deren Lebensweise, deren Träume und Probleme. Im Delta ist er mit einem Schilfrohrschneider unterwegs, der das Schilf für Dächer oder Zäune verkauft; er spricht mit vielen Fischern, die ihm Geschichten über die einst riesigen Störe und ihren Kaviar erzählen; zum Beispiel, wie ein Fischer mit den 22 Kilogramm Rogen eines einzigen Weibchens die Universitätsausbildung seiner Töchter finanzieren konnte.

Nicht wenige Rumänen und Bulgaren trauern dem Sozialismus nach, da habe es wenigstens Arbeit in Fisch- oder Stahlfabriken gegeben. Heute bleibe nur der Tourismus, klagt ein Hotelier in Sulina, aber der könne sich "durch die Bürokratie und die Unfähigkeit der Dorfbewohner zur Zusammenarbeit" nicht entwickeln.

Bulgarische Roma waren sehr erfolgreich in der Stadt Lom - dann kam die Wirtschaftskrise

Thorpe romantisiert nicht, er ist Reporter, allerdings einer mit großen Sympathien für die Menschen in Südosteuropa. Besonders interessieren ihn die unterschiedlichen Völker, die sich im Lauf der Zeit hier niedergelassen haben und teils immer noch hier leben: Türken und Krimtataren, Griechen, Ukrainer und altgläubige Russen, die einst vor dem Zar geflohen waren. Besonders einfühlsam beschreibt Thorpe einen Besuch in der letzten europäischen Kolonie von Leprakranken im rumänischen Tichileşti. 21 ältere Menschen leben dort, als verschworene Gemeinschaft und trotz ihres Leids relativ glücklich inmitten von Weinbergen, die einer der Patienten mit großer Hingabe pflegt.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Reisebericht stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Den Roma hat Thorpe ein ganzes Kapitel gewidmet, er besucht die bulgarische Stadt Lom, die eine Erfolgsgeschichte dieses halbnomadischen Volkes ist: Kaum Schulabbrecher, die Hälfte der Kinder schafft es auf die Universität, Roma sind Ingenieure und Polizisten, sie stellen den Vizebürgermeister. Doch dann kam die Wirtschaftskrise 2008, und seitdem geht es mit der Stadt abwärts.

Thorpe verliert den Fluss auf seiner Reise nie aus den Augen, er besucht das Atomkraftwerk Cernavodă genauso wie den riesigen, für den Laichzug der Fische verheerenden Staudamm am Eisernen Tor, trifft sich mit Umweltschützern in Hainburg und in Ingolstadt. Wer mit dem Autor in Donaueschingen ankommt, wo er eine ungarische Münze in den Brunnen wirft, der hat gelernt: Die Donau ist der europäischste aller Flüsse, Ost und West sind sich viel näher, als viele denken.