Endlich Zeit für . . . Unglaubliche Abenteuer heute

Der Roman des Poetry-Slamers Jaromir Konecny

Von Albert Heilmann

"Jede noch so traurige Geschichte hat eine lustige Seite. Du musst sie nur finden, Lolek!" - dieser Rat wurde Lolek Němec von seiner seligen Mutter einverleibt und steht exemplarisch für Jaromir Konecnys Buch "Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Němec". Stets tritt der pfiffige Tscheche den Unzulänglichkeiten des Lebens mit einer prächtigen Leichtigkeit entgegen, obwohl mit Einwanderung, Fremdenhass und Integration schwere Themen behandelt werden.

Němec ist ein Schwätzer, aber einer der gutmütigen Sorte, fast ein braver Soldat Schwejk. In jeder Situation hat er eine schelmische Weisheit auf Lager. Die gibt er mit einer Nüchternheit zum Besten, dass man denkt: Das kann er doch nicht ernst meinen. Und wie er das kann! Er ist ein echter Neo-Narr, und das von Beginn an. Da erklärt er dem Richter beiläufig, warum er sein gefälschtes Abiturzeugnis mit einem Kartoffelstempel beglaubigt hat. Als Strafe muss er nicht ins Zuchthaus, sondern in ein Flüchtlingscamp, um dort Sozialstunden abzuarbeiten. Da Němec selbst einst Flüchtling war, scheint er dafür prädestiniert, weiß er doch, wo der Hammer hängt.

Bei all dem schöpft der Autor aus seinen eigenen Erfahrungen: Nach seiner Flucht aus der Tschechoslowakei im Frühling 1982 verbrachte er ein Jahr in einem Flüchtlingslager in Niederbayern. Heute ist er als einer der Pioniere der deutschen Poetryslam-Szene bekannt und häufig auf Münchner Bühnen zu erleben. Als deutscher Tscheche kombiniert er tschechische Lebensart mit deutscher "Leitkultur"

An manchen Stellen seines Buches wäre es nützlich, sich ein bisschen mit dem Nachbarland auszukennen. Zum Beispiel wenn Němec die Ostermontagstradition erwähnt, nach der Männer und Buben durch die Dörfer ziehen, mit feinen Ruten Frauen auf Beine oder den Allerwertesten hauen und dafür Süßigkeiten, Eier oder auch Sliwowitz und Becherovka einheimsen. Da könnte man meinen, dass Němec sich nur wieder einer seiner durchtriebenen Phantasien hingibt - was im Buch nicht selten passiert. Doch diese böhmische Tradition fällt nicht in die Kategorie Fake News.

Klischees bedient er dagegen reichlich. Egal ob Tscheche, Flüchtling, Deutschnationaler oder bayrischer Bürokrat: Alle werden sie durch den Kakao gezogen. Dabei spielt der Autor teilweise mit politischen Unkorrektheiten, die die Herzen von Freunden des etwas derberen Humors höher schlagen lassen - ob es dabei nun um Bonobo-Affen geht oder um furzende Tschechinnen. So ist die Hauptfigur sofort ins Herz geschlossen, die Lektüre kurzweilig und die Bilanz klar: Die Welt braucht mehr Tschechen-Romane!

Jaromir Konecny: Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Němec, Ecowin Verlag, Salzburg 2017, 253 Seiten, 20 Euro