Endlich Zeit für ... Ein ganzes Leben

Die CD-Box "L.O.V.E." des alles könnenden Musikers Paul Vincent

Von Michael Zirnstein

Endlich ist mal Zeit zum Einsortieren der CD-Neuerwerbungen 2015. Während also die neueste der EAV neben das Gesamtwerk von Erdmöbel gestellt wird, und man sich fragt, ob die beiden Combos mit jeweils starkem, aber unterschiedlichem Humor das lustig fänden, fällt auf: So richtig guter Rock der alten Schule war Mangelware 2015. Das Modell "Midlife-Crisis-Musiker ackert für Midlife-Crisis-Hörer" ist am auslaufen. Doch was ist das? Ein für die letzte Ritze bei "V" viel zu breiter Karton mit den dick gedruckten Lettern "L.O.V.E.". Von Paul Vincent. Wer? Paul Vincent Gunia, ein Mann aus der zweiten Reihe, ein wichtiger Mann: 1970 kam der Detmolder Beat-Musiker im Amon-Düül-II-Umfeld nach München; er jazzrockte für Doldingers Motherhood, spielte Gitarre, schrieb und produzierte bei Lindenbergs Panikorchester, war die rechte Hand des Schwaben-Rockstars Wolle Kriwanek, komponierte für Film und Fernsehen ("In aller Freundschaft"), verfasste "Das Rock Guitar Buch" und half in München aufnehmenden Berühmtheiten wie Peter Maffay, Mireille Mathieu, Peter Alexander, Sting, Eric Burdon, Meat Loaf und Freddy Mercury.

Interessanterweise ist von all dem auf den vier CDs in der Box nichts zu hören. "L.O.V.E." (auf Vincents Label Luxus Musik) ist keine Lebenswerkschau, sondern seine aktuelle Studioarbeit. Für die 71 Songs hat er sich "wie in einer Meditation" in sein Studio in Graben bei Augsburg abgekapselt und das meiste selbst komponiert, eingespielt, gesungen, abgemischt. Er kann ja auch alles, als Studio-Ass meistert er jeden Gitarrenstil vom Hendrix-Georgel bis zum Knopfler-Leuchten, wie schon im ersten Teil "L." zu hören ist: Hier braucht die verschmähte Liebe Rock, amtliche Wut- und Trost-Mucke für Männer mit Malaisen: "Buddy, it never strikes the same place twice!". "O." kommt vom Pop und fließt dahin wie leichtfüßige Nummern der Beatles ("Shaftesbury Avenue" ist seine "Penny Lane"). "V." vereint "Ballads, Blues'n'Stuff" und erinnert ein bisschen an die Country-Folk-Versuche von Bob Dylan mit den Travelling Willburys oder Knopfler mit den Notting Hillbillies. Zeitlos schön, und doch nicht zeitgemäß fürs Radio. Egal. Der "restless Man" Vincent hat - Überraschung auf "E."! - gleich seine eigene Sendung produziert: mit Jingle, Moderator, Pizza-Reklame im Stil von Louis Prima und einem launigen Mix von Ballsaal-Tango über Old-Time-Jive ("I wish I was a man of high society"), Montmatre-Melancholie bis Hawaii-Gitarrentraum. Ein ganzes Plattenregal in einer Vier-CD-Box. Stellt man erst mal lächelnd zu "L" neben Lennon, John: All you need is "L.O.V.E."