Shakespeare galt vor seiner Rezeption in der Romantik als Naturbursche, der nur aus der Intuition schöpfte, erst das späte 18. Jahrhundert erkannte in ihm einen bewusst gestaltenden Dichter. Mit diesem Shakespeare-Kult war das Bild des unkultivierten Landeis schwer zu vereinbaren, daher setzte, nachdem zweihundert Jahre lang niemand seine Identität angezweifelt hatte, die Suche nach der hochgestellten Persönlichkeit ein, die sich hinter dem Pseudonym "Shakespeare" verbirgt.
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Der Film "Anonymous" pflegt das beliebte Bild vom Künstler als einem Ausnahmemenschen. Hier wirkt ein Künstlergott, der alles, was er am Hofe an Intrigen erlebt hat, poetisch verbrämt auf die Bühne bringt, jedes Stück ein autobiographisch beglaubigtes Schlüsseldrama.
Von der Kunstreligion bleibt im Film auch nicht das Shakespeare-Publikum verschont. Im Globe Theatre hängt es an den Lippen der Schauspieler, die Shakespeares unsterbliche Verse deklamieren. Tatsächlich suchte das damalige Publikum im Theater nicht Andacht, sondern Zerstreuung und begriff Theaterstücke als reine Gebrauchstexte, die nur so gut waren wie das Lachen oder die Tränen, die sie einem ins Gesicht zauberten.
Im Anschluss an die Vorstellung des Films, der am 10. November in die Kinos kommt, stellte sich Emmerich der Diskussion mit den Experten, dem Übersetzer Frank Günther, dem Vorsitzenden der deutschen Shakespeare-Gesellschaft Tobias Döring, und dem deutschen Oxfordianer Kurt Kreiler. Moderator der Runde war Hellmuth Karasek.
Alle Versuche, den Streit im Keim zu ersticken, indem man die Freiheiten verteidigt, die der Film sich zu Recht nimmt, waren vergebens. Schnell fielen die Stratfordianer Döring und Günther über den Oxfordianer Kreiler her, der sich zur verfolgten Unschuld stilisierte und pathetisch von einer "Mauer des Schweigens" sprach.
Auf dem Schlachtfeld eines Religionskrieges
Dabei sind die Stratfordianer gar nicht so hegemonial, wie Kreiler behauptet. 5000 Bücher gibt es, die an Shakespeare Verfasserschaft zweifeln. Während Emmerich betonte, dass es ihm vor allem um die Frage gegangen sei, ob Worte mächtiger sind als Waffen, erfreute sich Döring an einer Szene, in der man Queen Elizabeth beim blow job mit Edward de Vere sieht und dieser dazu hohe Lyrik ejakuliert. Das nennt man Sublimierung.
Spätestens aber, als Frank Günther eine fotomechanische Reproduktion der First Folio als Beweismittel auspackte, war klar: Hier tobt ein Religionskrieg, und Roland Emmerich hat sich mit seinem Film auf ein Schlachtfeld begeben.
Nirgendwo in Frankfurt wurde so leidenschaftlich und erbittert gestritten wie in dieser Runde - der beste Beweis dafür, wie lebendig William Shakespeare ist.
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(SZ vom 15.10.2011/pak)
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