"Müssen Frauen nackt sein, um ins Met. Museum zu kommen?" fragten die Guerilla Girls. Eine Generation später hat die Ausstellung Elles im Centre Pompidou Männer kurzerhand ausgeschlossen.
Sie hat dann einfach darauf geschossen. Erledigen wollte Niki de Saint Phalle diesen ganzen "ekelhaften Phallozentrismus des Kunstbetriebs". Und hat in "Les Tirs" mit einem alten Revolver auf ihre eigenen Werke gezielt. Hat ihre Leinwand derart verwundet, dass sie Schichten verkrusteter Ölfarbe blutete; dass sie versehrt aufbrach in Gelb, Blau und Rot.
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Kunstgeschichte aus dezidiert weiblicher Perspektive: Sylvie Fleurys Tableau n. 1 aus dem Jahr 1992. (© Foto: Centre Pompidou)
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So klar war einem das bislang dann doch nicht: Noch 1985 waren weniger als fünf Prozent der in Museen ausgestellten Kunst von Frauen. Die "Frauenquote" in den Galerien lag mit etwa zehn Prozent nicht viel höher. Vor allem die Sektionen der modernen Kunst wurden fast ausschließlich von Männern bestückt. Noble Ausnahme: eine große Louise-Bourgeois-Retrospektive im MoMA 1983.
Grund genug für die Guerilla Girls, eine Gruppe anonymer Künstlerinnen, Mitte der Achtziger New Yorker Hauswände aufmerksamkeitsheischend mit einem grellgelben Poster zu überziehen: Eine nackte Frau - mit Gorillamaske - räkelt sich aktmodellgleich unter provozierend großen Lettern - "Do women have to get naked to get into the Met. Museum?" lautet die Frage auf dem Plakat. Die war so bissig wie berechtigt: 90 Prozent der museal exponierten Nackten waren Frauen. Aus diesem horrenden Missverhältnis zwischen den Geschlechtern und der Kunst hat Camille Morineau, Kuratorin am Pariser Centre Pompidou, ziemlich genau eine Generation später Konsequenzen gezogen. Für die von ihr konzipierte Ausstellung "Elles@centrepompidou" hat sie männliche Künstler kurzerhand ausgeschlossen: Gezeigt werden ausschließlich Werke von Künstlerinnen.
Nicht hübsch, nicht feminin und schon gar nicht dekorativ
500 Exponate aus der ständigen Sammlung des Musée national d'art moderne hat Morineau zu einer so großen wie großartigen Schau vereint. Und hat damit einen einzigartigen Überblick über das 20. Jahrhundert, die neueste Kunstgeschichte aus dezidiert weiblicher Perspektive, geschaffen. Die fällt, aller assoziativen Willkür zum Trotz, weder feminin noch hübsch und schon gar nicht dekorativ aus.
Vermutlich hat Niki de Saint Phalle die himmelschreiende Ungerechtigkeit der Verhältnisse bereits im Visier gehabt, als sie 1961 in "Tirs" auf ihre eigenen Werke zielte. Im vierten Stock des Centre Pompidou hängt das Plakat der Guerilla Girls neben Saint Phalles zerschossener Leinwand. "Feuer frei!" lautet sarkastisch der Titel dieses ersten Raumes; die weibliche Werkschau wird prompt mit einer schöpferischen Aggression eröffnet. "Elles" war die erfolgreichste Ausstellung in Frankreich im vergangenen Jahr, vor kurzem wurde sie auf unbestimmte Zeit verlängert. Seit den Achtzigern haben sich die Verhältnisse schwer geändert, der Emanzipation der Künstler-Frauen wird numerisch Nachdruck verliehen: Die Ausstellung hat die Besucherzahlen des Centre Pompidou um ein Viertel steigen lassen.
In weiß getünchten Kuben, verbunden durch parzellenartig abgeteilte Gänge, hat Morineau die Werke von 250 Künstlerinnen versammelt. Anderthalb Etagen "Beaubourg" nimmt "Elles" in Beschlag. Allein das Spektrum ist beeindruckend: Ein Selbstporträt von Frida Kahlo, Fotografien von Diane Arbus, Skulpturen von Louise Bourgeois und Kiki Smith, Installationen von Annette Messager und Hanne Darboven.
Die gefeierte Schau hat Morineau nicht in französisch-pädagogischer Manier chronologisch gegliedert, sondern hat sie thematisch in sieben Kapitel unterteilt. Es gibt "Historisches", "Physisches" - und sehr, sehr viel "Exzentrisches". So hängt Sophie Calles bitterböses Werk "Douleur exquise", in dem sie, auf Stoff hinter Glas, genussvoll ihren Schmerz als schmählich Verlassene dokumentiert, in Sichtweite der nicht minder bitteren Skizzen Tracey Emins. Deren missbrauchte Strichmännchen in "Family Suite II", muten an wie die lapidare Illustration ihrer tristen Autobiographie "Strangeland".
Etwas zu lieben heißt, etwas wiederzuerkennen
Corps slogan, Aktivistenkörper, heißt ein anderes dieser Assoziationsfelder: In ihrer Videoinstallation "Art/Artiste must be beautiful" führt Marina Abramovic einen zum Hospitalismus mutierenden Kampf mit ihrer Haarbürste. Man blickt fasziniert in die schweren Mascaraaugen einer leicht verzagten Bikinischönheit. Unter ihr Strandporträt hat die Fotografin Rineke Dijkstra den weisen Satz geschrieben: "Etwas zu lieben heißt, etwas wiederzuerkennen".
Schönheit oder Schüchternheit als a priori weibliche Dilemmata hin oder her - "Elles" macht deutlich, wie weit sich die Frau mittlerweile davon entfernt hat, passiv-posierendes Objekt eines (männlichen) Künstlers zu sein. Und wie sehr sie gleichsam sich selbst Anreiz ist, zu schaffen. Sie ist ihr ureigenes Sujet. Denn die Schwierigkeit, in einer doch recht virilen Welt bestehen zu müssen, bleibt dieselbe. Bei "Elles" gibt es keine Unisex-Kunst; nichts ist neutral, alles konnotiert: Morineaus Schau ist deshalb immer auch Introspektion, und zwar in ein genuin weibliches Werk. Der Titel der Ausstellung ist damit so einfältig wie sinnhaft.
Verdammt zu dieser ach so besonderen condition feminine, ist der Blick auf die (nicht nur) künstlerische Lebenswelt allenthalben ein radikaler. Ob Freiheit eher konstruktiv oder eher destruktiv wirke, fragt Jenny Holzer in ihren Inflammatory essays. Antwort darauf gibt jedes einzelne Exponat. Jana Sterbaks "Vanitas: Fleischkleid für anorexische Albinos" ist nur eine davon. Is liberation dangerous?, fragt Holzer weiter. Unter Umständen, ja: Rosemarie Trockel gibt der Radierung eines friedlich schlafenden Säuglings den grausamen Titel "Das Unglück"; Sigalit Landau kasteit sich in ihrem Film "Barbed Hula" mit einem Hula-Hoop aus Stacheldraht. Bei jedem Hüftschwung reißen ihr die Stahldornen weitere Wunden ins Fleisch. Dazu klimpert scheinbar unbedarft Easy Listening aus dem Off. Freiheit bedeutet wohl mindestens, die Wahl zu haben zwischen destruktiv und konstruktiv.
Das Maskuline als organisches Defizit
Weder wolle sie eine "feministische Schau kreieren, noch die weibliche Kunst in irgendeiner Weise rehabilitieren", sagt Camille Morineau. Zu einem Manifest ist ihre Ausstellung trotzdem geworden. Ohne dabei so weit zu gehen wie Valerie Solanas, die Warhol-Attentäterin, die das Maskuline als organisches Defizit bezeichnete und den Mann schlichtweg als emotionalen Krüppel: Man begegnet, nachdem man "Elles" besucht hat, der jahrzehntelangen Übervorteilung von Frauen in der Kunst mit noch mehr Unverständnis.
Zudem stimmt wohl immer noch, was Anaïs Nin bereits vor einer ganzen Weile festgestellt hat - und was jetzt, durchaus als Aufforderung zu begreifen, in dicken schwarzen Lettern auf einer Stellwand im Centre Pompidou prangt: "Wir kennen unsere weiblichen Künstler nicht, es gibt eine Menge nachzuholen!"
"Elles@centrepompidou", Musée national d'art moderne, Paris; voraussichtlich mindestens bis Februar 2011, Informationen unter elles@centrepompidou.fr. Der Katalog hat 380 Seiten und kostet 39, 80 Euro.
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(SZ vom 23.3.2010/kar)