Ellen Keys zweifelhafte Erziehungslehre Wer Kinder schlägt, erzieht sich Sklaven

Was ist aus dem "Jahrhundert des Kindes" geworden, das die Autorin Ellen Key 1902 in ihrem gleichnamigen Buch ausrief? Ihr Werk nimmt aktuelle Debatten um die Kindererziehung vorweg. Es ist aber auch eine Kritik am Feminismus - und liefert Argumente für die Befürworter des Betreuungsgeldes.

Von Burkhard Müller

Die letzten zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren die große Epoche der Reform. Man trug das Reformkleid, man erfand das Reformhaus. Es gediehen die Frauenrechtsbewegung, die Freikörperkultur und der Wandervogel, es blühten Okkultismus, Sozialismus, Anarchismus und generell alles, was auf "-ismus" endet. Jeder glaubte, gerade seine Idee werde die vielbesungene Neue Zeit herbeizwingen. Dass das Leben nicht bleiben konnte, wie es war, schien offensichtlich; dass aber ein Zeitalter der Katastrophen seine Schatten vorauswarf, empfand keiner.

Mangelnde Selbstzucht, mangelnde Intelligenz: Prügelstrafe um 1891. 

(Foto: Getty Images)

Reform musste am Ursprung ansetzen. Den neuen Menschen konnte es nur geben, wenn man ihn schon im frühesten Alter zu bilden begann. Wer die Welt ändern wollte, der musste zu den Kindern gehen. So versteht man den Titel eines Buchs, welches "Das Jahrhundert des Kindes" heißt und in Deutschland 1902 herauskam: Vom Kind aus musste man das Jahrhundert, das soeben begonnen hatte, umgestalten. Noch in unserer Gegenwart hat diese Autorin ihre Anhänger, was sich nicht zuletzt in einer lebendigen Sekundärliteratur niederschlägt.

Die Verfasserin war nicht die Einzige, die damals radikal neue Vorschläge zur Erziehung machte; auch andere, bis heute wirksame Pädagogen traten auf, Rudolf Steiner, Oberhaupt der Anthroposophen, der zum Ahnherrn der Waldorf-Schulen wurde, und Maria Montessori in Italien, deren Name bis heute für den von ihr begründeten Schultyp steht.

Niemand aber von all diesen Reformpädagogen machte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg so sehr von sich reden und sorgte für so aufgeregte Kontroversen wie die Schwedin Ellen Key (sprich "Kej"). Im Jahr 1846 als Tochter einer Adligen und eines Politikers geboren, trat sie für die Modernisierung aller Lebensverhältnisse ein und reiste unermüdlich als Rednerin durch Europa.

Wer das Kind begreifen will, das war ihr Glaubensbekenntnis, der darf es nicht als unvollkommenen Erwachsenen, der muss es als eigenes Wesen eigenen Rechts auffassen. Dazu gehört zuallererst, dass im Umgang mit ihm auf Gewalt verzichtet wird. Die am stärksten wahrgenommene einzelne Forderung ihres Buchs besteht in der bedingungslosen Absage an die körperliche Züchtigung.

Heilsames Feuer und Liebesentzug

"Schläge rufen die Tugenden des Sklaven, nicht die des freien Menschen hervor ... Prügel überliefern den Schwächeren, den Wehrlosen in die Hand des Stärkeren, und noch nie hat ein Kind in seinem Herzen geglaubt, was es mit seinen Lippen bejahte, wenn der Erzieher versuchte, es zu überzeugen, dass er es aus Liebe schlage, es schlage, weil er müsse! ... Mangelnde Selbstzucht, mangelnde Intelligenz, mangelnde Geduld, mangelnde Würde - das sind die vier Ecksteine, auf denen das Prügelsystem ruht."

Hier war Key Vorreiterin einer Haltung, die heute den Rang eines (fast) allgemeinen Konsens besitzt und sogar Eingang in die Gesetzgebung gefunden hat. Doch wie soll man ein Kind stattdessen lenken? Key wusste Rat. Ein Kind langt auf den heißen Herd? Soll es doch! "Warum lernt das Kind sehr bald, dass das Feuer brennt? Weil das Feuer es immer tut. Aber Mama, die einmal schlägt, einmal droht, einmal besticht, einmal weint, einmal versagt und gleich darauf erlaubt ... - sie hat nicht die kräftige Erziehungsmethode des Feuers!"

Ähnliches wie dem Feuer traut Key dem Liebesentzug zu, vorausgesetzt, er geschieht konsequent. "Ist das Kind nicht achtsam, so muss es daheim bleiben; oder es muss allein essen, wenn es zu spät zu den Mahlzeiten kommt." Und doch schreibt Key von der "Majestät" des Kindes, von der "Heiligung" des Heims, ein hoher Ton, den heutige Erziehungsratgeber eher meiden, der aber in dieser hochgestimmten Zeit so viel zu ihrer Wirkung beitrug wie das, was sie inhaltlich wollte.