Könnte der Faschismus in Deutschland wieder auferstehen? Bei Kerner wurde über den neuen Film "Die Welle" diskutiert - erschreckend war vor allem die Banalität der Argumente.
Die deutsche Geschichte scheint zu komplex, als dass sie einfache Antworten bereithielte. Wie konnte eine faschistische Partei in Deutschland die Macht ergreifen? Warum hat es Konzentrationslager gegeben? Und wieso gab es nur geringen Protest? Man kann darüber schreiben, man kann darüber diskutieren oder auch versuchen, rationale Muster für das eigene Verständnis zu finden: Am Ende siegt die Ratlosigkeit. Ist ausgerechnet eine Johannes-B.-Kerner-Sendung der entsprechende Rahmen, sich dem heiklen Thema zu nähern?
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Hintergrundfiguren bei "Kerner": "Welle"-Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Dennis Gansel. (© Foto: dpa)
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Dennis Gansel stellte bei Kerner seinen neuen Kinofilm "Die Welle" vor, der ein Versuch ist, Antworten auf eben jene komplexen Fragen zu finden.
Die Sendung nahm den Film zum Anlass, um über ein Experiment zu sprechen, das zuerst zur Grundlage für das millionenfach verkaufte Jugendbuch von Morton Rhue wurde: Der Amerikaner Ron Jones kam ins Studio, um von seinem 1967 durchgeführten Versuch zu berichten.
Jones wollte in der Highschool, an der er unterrichtete, herausfinden, ob das gesellschaftliche Bedürfnis nach einer Diktatur auch in der Gegenwart existiert: Er gründete eine Art geheime Gruppierung, die sich durch kollektive Symbole, ein intensives Gemeinschaftsgefühl, strikte Disziplin und eine charismatische Führerpersönlichkeit definierte. Wer nicht mitmachte, wurde von den Mitgliedern unter Druck gesetzt. Das Experiment drohte schließlich zu eskalieren: Sowohl Jones als auch seine Schüler verloren die Kontrolle über ihr Handeln.
Ein Gaukler beim Taschenspielertrick
Bei Kerner konnte Ron Jones nur wenige erkenntnisreiche Einsichten liefern, die über die gängigen Gemeinplätze hinausreichten. Er wies auf das Gruppengefühl hin, das er bei den Schülern auslösen wollte, oder auf die positiven Veränderungen, die ihm anfangs noch auffielen. Seine Taktik schien tatsächlich zu wirken. Selbst Außenseiter fühlten sich plötzlich als wertvoller Teil einer Gemeinschaft.
Die Gäste in Kerners Studio waren als sinnvolle Ergänzung zu Jones' Erfahrungsbericht gedacht: Unter ihnen waren Personen, die an dem Experiment teilgenommen hatten und von ihrer persönlichen Wandlung berichteten. Die Ergebnisse und Interpretationen waren jedoch allzu banal, um damit die Logik der NS-Genese zu erhellen.
Symptomatisch war das von Ron Jones ad hoc nachgespielte Experiment in Kerners Studio, bei dem der ehemalige Lehrer drei junge Schüler der Hamburger Albert-Schweitzer-Schule in einer Reihe positionierte. Er ließ sie einige Schritte vorwärts laufen, reichte ihnen ein Stück Papier und forderte das Publikum auf, nach jedem Manöver zu klatschen.
Wen wunderte es, dass die Schüler seine Befehle bedingungslos befolgten? Niemanden. So glaubte man einem Gaukler bei Taschenspielertricks zuzuschauen, dessen Hypothesen den einzig möglichen Schluss zuließen: Jeder Mensch könne von einem starken Befehlshaber instrumentalisiert werden. Da bedarf es schon mehr Feingefühl, um tiefere Einsicht zu entlocken.
Politische Zwänge
Überraschenderweise hielten sich die Protagonisten des Films "Die Welle" mit überschwänglichen Monologen zurück: Sowohl Hauptdarsteller Jürgen Vogel, als auch Regisseur Dennis Gansel waren bloß Hintergrundfiguren. Viel Sendezeit bekam dafür Uschi Glas, die zwar nichts mit der "Welle" zu tun hatte, dafür aber einen Film vorstellte, der bald im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft und dementsprechend beworben werden muss. Die PR-Welle rollt.
Wie skurril solche Konstellationen auch sind: Uschi Glas sprach sachkundig und vor allem nicht am Thema vorbei. Sie erzählte über ihre Erfahrungen mit der Elterngeneration und warum gesellschaftliche Zwänge Diktaturen ermöglichen. Diskussionswürdig war ihre Anmerkung, dass sie die Zeit um das Jahr 1968, in der sie ihre Karriere begann, als beklemmend empfand: Der politische Druck der Schauspieler-Kollegen und der Zwang, sich zu einem linken Milieu zu bekennen, seien enorm gewesen. Man fühlte sich an das hitzig debattierte Buch des Historikers Götz Aly "Unser Kampf" erinnert, in dem er eine Parallele zwischen der 68er- und der Nazi-Bewegung zieht.
Zum Schluss war die Bilanz enttäuschend, aber nicht aussichtslos: Mit welchen gesellschaftlichen und historischen Problemen man auch konfrontiert wird: Die Antworten stehen auf keinem Rezept. Fragen lohnt sich trotzdem. Aber nicht unbedingt bei Kerner.
(sueddeutsche.de/mako/grc)
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ja, ein neuer Gröfaz könnte *jederzeit* wieder erstehen.
nein, bei Kerner hat das Thema nichts zu suchen, bei ihm hat m.E. überhaupt kein diskussionswürdiges Thema etwas zu suchen, er würde besser wieder Sport moderieren, wenn es denn schon sein muss.
Wie hier einige meinen "Bildung schützt" kann ich nicht nachvollziehen, das hört sich für mich wie ein Fetisch an. Wahr ist, dass Bildung nützt, viel wichtiger jedoch ist eine Ethik/Moral, die auf einer FDGO aufbaut und Fairness, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Individualität als hohes Gut ansieht. Zu meinen, nur die Dumpfmeier hätten "damals" mitgemacht, ist eine gefährliche Fehleinschätzung der damaligen Situation. Denn es stimmt schlicht und einfach nicht. Dieser Bewegung sind nicht nur die Arbeiter verfallen, auch große Teile der "Elite" waren gut dabei. Das kann man übrigens auch in anderen Diktaturen gut beobachten: der Widerstand rekrutiert sich aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten.
Viel wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass ein Staat dagegen geschützt werden kann, durch seine Verfassung beispielsweise in Kombination mit Ewigkeitsklauseln. So wie unser GG.
Und DAS ist der Grund, warum ein Wolfgang Schäuble so gefährlich ist, weil er wie besessen an der Auflösung solcher Schutzmechanismen arbeitet. Um das zu erkennen, muss man allerdings nicht Politologe sein, da genügt ein bisschen Verstand.
DW
Der Faschismus braucht eine Menschengruppe, die abgelehnt, diskriminiert und bekämpft wird. Vor 70 Jahren waren es die Juden. Heute sind es die Terroristen. Sie haben den Vorteil, dass man sie selber machen kann.
hier verharmlosend von einem Clown, den viele erkannt haben zu sprechen, halte ich für fatal, denn die Leute haben es gerne gemacht. Damals - und heute würden sie es sofort wieder tun, vorausgesetzt, es gäbe keine Bestrafung sondern sogar Ermunterung.
Sehen Sie sich mal einerseits das Staats-Bashing, das hier allgemein hoch verdrossen und klagend auf hohem Niveau aus fast manchmal jedem Text leuchtet. Beispiel nur heute: ARtikel SZ "Brandbrief" (Mindestlohn) (dem SZ noch das Konterfei von H Sinn, wohlwissend um den sehr wenig gelittenen Forscher, sicher nicht Unbedacht beifügte); oder gestern bzw. tagelang Stichwort Liechtenstein, oder Stichwort Frau Metzger (glauben Sie wirklich, die Gute wäre noch aus dem Zimmer gekommen, wenn die Konstellation und Rechtslage anders gewesen wäre?). Sehen Sie sich an, mit welchen Mitteln Informationen verbreitet werden, sehen Sie sich an, wie laut mitgeschwätzt wird bei hochkomplexen Zusammenhängen -der Frust ist vorprogrammiert. Selbstmitleidig wird das soziale Klima beweint - für all das ist dann aber genau dem Staat alle Macht und alle Erwartung addressiert.
Ich würde zu absoluter Vorsicht raten, denn zumindest ich glaube, wenn manche könnten, wie sie wollen -- mein lieber Schwan.
Um ehrlich zu sein: während und nach der 68er-Zeit (nicht "Bewegung"!!!!) war ich ziemlich sicher, dass ein solcher Clown es nie wieder schaffen könnte.
Aber schon 1933 und davor haben viele den irr-witzigen Adolf als das erkannt, was er war: ein egomanischer Clown, ohne Überzeugung (außer von sich selbst), ohne Wurzeln etc. Hat alles nichts genutzt.
Und jetzt: zuerst haben mich die Ereignisse in Jugoslawien erschüttert, ein Land, in dem ich noch zu Titos Zeiten ein Jahr gearbeitet habe. Nie hätte ich diesen Irrsinn für möglich gehalten, einschließlich der handelnden Politiker-Karikaturen...
Die Beispiele lassen sich beliebig erweitern, und alle haben meist einen gemeinsamen Nenner: Hass auf die "Fremden".
Da es gegen diese (genetische?) Determinierung noch kein Mittel gibt, müssen wir wohl mit dieser Gefahr weiter leben...
erstmal erlebt der Stalinismus seine Auferstehung.
Paging