Zwar kann man auch die Einsätze, die auf den Ausgang solcher Wetten setzen, verbriefen wie normale Wertpapiere. Aber kalkulieren kann man ihr Risiko (genauer gesagt: Bemessung, Verlauf und Volatilität des Risikos über eine bestimmte Zeit) nur wahrscheinlichkeitstheoretisch. So wurde Geld in demselben Maß unendlich vermehrt, in dem seine nachvollziehbare Beherrschung auf ein extremes Minimum reduziert wurde - reduziert auf jene wenigen Spezialisten, die die synthetisch strukturierten Risiken durchschauen konnten. Aus der Sicht des Alltagsgebrauchs und der ubiquitären Abhängigkeit vom Geld eine anmaßende Perversion sondergleichen.
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Das alles muss man sich bei Anne T. selbst zusammenreimen, aber welchen undurchdringlichen Schleier diese Geldschöpfung umhüllt, macht sie sehr anschaulich. Einmal, erzählt sie am Rande, erfüllte sie einem normalen Bankier dessen Traum und ermöglichte ihm einen Besuch im Brokerzentrum ihrer Bank. So wenig der gute Mann in diesem mit komplexen mathematischen Formeln umflorten Tempelbezirk verstand, so schwer beeindruckt war er. "Wir orientieren uns natürlich", erklärte ihm einer der Broker, "an den gehandelten Volatilitäten an der EUREX, da bekommen wir aber nur einen Bruchteil der Volatilitäten mit, die wir für unsere Arbeit benötigen. Danach wird die Luft jedoch dünner. Wir kalibrieren mit GARCH beziehungsweise nutzen Modelle stochastischer Volatilität, etwa Hull. Außerdem haben wir noch das Problem der Fat Tails in den Volas, die Smiles, die Skews . . ."
Aha
Mit mehr als einem "Aha" konnte der Bankier derlei Erläuterungen nicht kommentieren. Und dieses begriffsstutzige "Aha" markiert ziemlich genau den Erkenntnishorizont, den noch nicht einmal ein Finanzmann überschreiten konnte, geschweige denn ein Laie, der als Kleinanleger das letzte Glied in der Risikogeldschöpfungskette bildet.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schilderungen, mit welch ausdauernder Häme die Broker über die Ahnungslosigkeit ihrer Kunden herzogen, vor allem auch über die Ahnungslosigkeit der Fondsmanager und der Portfolioverwalter großer Unternehmen. Wenn nur die versprochene Rendite verlockend genug war, konnten die verkauften Risiken gar nicht raffiniert genug aufgebaut sein - als ob die Unergründlichkeit der Raffinesse schon selbst das Gütesiegel bot. Das Bankgewerbe, dessen Charakteristikum einst die schlaue Übervorsicht und die Übersicherung seiner Anlagengeschäfte war, trat die Vorsicht an eine Mathematik ab, die es nicht kapierte, und ließ sich durch den Voodoo-Zauber komplexer Gleichungen verdummen.
Dass auch sorgfältigste mathematische Risikokalkulation nur eine Scheinsicherheit liefert, ist jetzt, nach dem Kollaps, eine wohlfeile Einsicht, doch sie war schon vorher zu haben. Das Spekulative am Spekulationsgeschäft kann keine Mathematik beseitigen. 1998, nach der ersten Erschütterung des Finanzmarkts durch den Zusammenbruch des Hedgefonds LCTM (zu dessen Chefs übrigens die beiden Nobelpreisträger Fischer Black und Myron S. Scholes gehörten, auf deren Differentialgleichungen zur Preis-, Volatilitäts-und Risikoentwicklung von Wertpapieren alle Mathematik der strukturierten Produkte aufbaut), bereits 1998 also warnte ein internes Memorandum der Investmentbank Merrill Lynch vor der Sicherheitsillusion. Mathematische Finanzmodelle, hieß es, "lösen das Gefühl einer größeren Sicherheit aus, als sie tatsächlich garantieren können. Darum sollte man sich nur begrenzt auf sie verlassen". Eigentlich eine Binsenweisheit, die aber der Magie der wundersamen Modelle nicht standhielt, auch nicht bei den Warnern selbst. Heute gibt es Merrill Lynch als selbständige Bank nicht mehr, sie verspekulierte sich am Derivatenmarkt für Immobilienkredite.
Pubertäre sexistische Angeber
Dass die gesamte Finanzwelt sich zum kollektiven Ritt über den Bodensee aufmachte, führt Anne T. allein auf die Gier der handelnden Bankiers und Broker zurück. Das ist, gemessen an den komplizierten Bedingungen, die dem Kapitalmarkt den jahrelangen phantastischen Ritt ermöglicht haben, eine sehr dürftige Erklärung. Doch das schadet dem Buch trotz seines knalligen Tenors nicht sonderlich, weil es ohnehin jegliche Analyse vermeidet, ja noch nicht einmal die Gelegenheit ergreift, die strukturierten Produkte im Detail darzustellen, obwohl sie doch im Mittelpunkt stehen.
Was aber stattdessen von Anne T. illustrativ beschrieben wird und die Lektüre lohnt, das sind die Atmosphäre und Mentalität der agierenden Broker. Man kann sich die Stimmung in deren Großraumbüro, sobald der Zeitdruck für einen Moment nachlässt, gar nicht pubertär, angeberisch, sexistisch und dümmlich genug vorstellen. Hier profitiert der Bericht mächtig davon, dass es eine junge Frau ist, die sich in dieses Milieu begeben hat. Auch wenn sie in ihrem Ehrgeiz meinte, das primitive Spiel mitspielen zu müssen, so verkannte sie doch nie dessen Erbärmlichkeit. War aber dann wieder die volle Präsenz verlangt, verwandelten sich die unreifen Jungs mit einem Schlag in hochkonzentrierte Professionelle, deren Verstand, Wachsamkeit und Entscheidungsschnelle sofort auf der Höhe dessen war, was die sekundengetaktete Artistik des Millionengeschäfts von ihnen verlangte. Das ist kein faustisches Hin und Her zwischen zwei Persönlichkeiten, sondern der Wechsel zwischen den beiden Seiten ein und derselben mentalen Medaille - Professionalismus ohne soziale Substanz.
Immerhin, mit ihrer Beherrschung der eingesetzten Mathematik verfügten sie über das Halbwissen, das die Kalkulationen über die zugrunde liegenden Risiken im allerbesten Fall hergeben. Alle anderen, in erster Linie ihre Kunden, kamen nie über ein Bruchteil dieses Halbwissens hinaus. So gesehen waren die Broker tatsächlich die Masters of the Universe, wie es ihrer infantilen Einbildung entsprach. Nie kam es in ihren pubertären Sinn, dass sie deshalb auch die Hauptverantwortung für das wirtschaftliche Desaster tragen, das ihr Risikogeld auslösen konnte.
ANNE T.: Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus. Econ Verlag, Berlin 2009. 240 Seiten, 18 Euro.
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(SZ vom 18.3.2009/rus)
Wettmanipulation im Fußball
Mitglieder zu folgendem Geschäft überredet. Jeder nimmt einen Kredit über 20 000 Euro auf und kauft sich ein Auto - Wert mind. 20 000 Euro. Das Kreditpaket über 2 Mio Euro verkaufe ich an einen Investor, der dafür 8 Prozent Zinsen und als Sicherheit die KFZ-Briefe bekommt. Der Investor verkauft das Paket ohne die KFZ-Briefe für 1 Mio Euro an Investor 2 weiter. Jedes Vereinsmitglied versichert seine 20 000 Euro Schulden gegen Ausfall mit monatlich 100 Euro. Diese 100 Versicherungen verkaufe ich an Investor 3 Laufzeit 1 Jahr für 100 000 Euro.
Und so weiter und so fort
Zitat Ankur: "Die Mathematik kann nicht schuld sein. Die Mathematik ist lediglich ein Rechenweg und in diesem Rechenweg stecken Annahmen. Sind die Annahmen falsch, ist das Ergebnis rechnerisch richtig, aber sachlich falsch."
Mathematik nicht, aber Mathematiker, Physiker und Ökonomen schon.
Von Eugene Wigner, einem Mitarbeiter als Oppenheimers Manhattan-Projekt, und nicht nur von ihm, wird gesagt, dass er schlußendlich so geil darauf war, das Los-Alamos-Baby endlich nicht nur als Testexplosion in zerstörerischer Aktion zu sehen, dass es ihm egal war, wo und unter welchen Umständen das Ding zum Einsatz kam -- es sollte knallen, unbedingt.
Und es knallte, nachdem Deutschalnd schon kapituliert hatte und Japan kurz davor war, schließlich doch noch, wie wir alle wissen. In Hiroshima und Nagasaki.
In der Informatik gibt es ein schönes und wichtiges Konzept, das man halb im Scherz das GIGO-Prinzip genannt hat.
Das steht für "garbage in, garbage out" und besagt, dass die allerbesten Algorithmen nichts nützen, wenn man keine verlässlichen (Anfangs-)Daten hat, die man hineinfüttern könnte.
Sagen wir mal so:
Es gibt verwendete Modelle. Diese geben natürlich nicht die Wirklichkeit wider, sondern sind eine Annäherung. Deshalb beinhalten sie so etwas wie einen in Kauf genommenen Approximationsfehler. Für diesen versucht man (hoffentlich) Obergrenzen zu finden. Diese haben dann (sofern richtig berechnet) nichts mehr mit Annahmen oder Annäherungen an die Wirklichkeit zu tun, sondern sind harte Grenzen für den berechneten Fehler. Im Falle vernachlässigbarer Approximationsfehler (wann ein Approximationsfehler vernachlässigbar ist, lässt sich leider nicht verallgemeinern) kann man ein Modell verwenden, ansonsten nicht.
Ich gehe einfach mal davon aus, dass dies bei den Modellen zur Bewertung der gehandelten Finanzprodukte nicht oder offensichtlich nur unzureichend geschehen ist.
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