Jenseits der Leinwand hieß das Ideal "Natürlichkeit". Inszeniert oder nicht, das wollte man nicht so genau wissen, so packend und verführerisch waren die Bilder von den Kennedys im Urlaub; von James Dean in den Pfützen des Times Square; oder später von John und Yoko im Bett. Auch der Alltag der Stars war Kino! Und die Fotografen erzählten davon. Bilder wie diese waren die Vorlagen für Paparazzi wie Brad Elterman.

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Er war kein ganz großer wie Ron Galella, doch er lebte bestens. Er fotografierte Bob Dylan und Robert DeNiro. Er ging für Bravo mit Boney M. auf Tour. Leif Garrett, das Teenidol, lud ihn nach Hause ein. Und Duran Duran zeigte er in seinem alten Mercedes den Sunset Strip, bevor er sie auf dem Hoteldach ablichtete. "Heute wäre das alles nicht möglich", sagt er traurig. Ohne "Glam Squad", ein etwa zehnköpfiges Team von Leuten für Makeup, Haare und vieles andere, ohne einen Scheck unter dem Tisch, geht nichts. Und selbst wer bereit ist, das alles aufzubieten, bekommt keinen Termin.

Das verhindert der "Publicist", der Pressemensch, der das Image des Stars überwacht, jedes Aus-der Rolle-Fallen verhindert und die Verbreitung seines Gesichts, seiner Statements, seiner Geschichte kontrolliert. In einer Zeit, in der jedes Lebenszeichen des Stars mit bulimischem Appetit verschlungen wird, schließt der Publicist den Kühlschrank, bevor das Kotzen losgeht. Und hofft, so zu retten, was zu retten ist von der einstigen Entrücktheit.

Doch die Gier bleibt, und sie wird leichter gestillt denn je. "Wir fotografierten nachts, am nächsten Morgen entwickelten wir die Bilder, dann riefen wir den Korrespondenten vom Bauer Verlag an", erinnert sich Elterman. "Am Ende waren zwei Tage vergangen, bis das Bild überhaupt in den Redaktionen ankam." Wenn Britney heute zu McDonald's geht, ist das Bild Minuten später in 100 Ländern.

Die Promi-Websites wiederum haben die Nachfrage explodieren lassen. Und dank Handys, Digitalkameras und Camcorder, mit denen jeder passable Bilder oder Filmchen machen kann, liefern nicht mehr nur die Profis. Bild rief während der Fußball-WM die Leser auf, Promis zu knipsen. Bei Mr. Paparazzi erhalten die Amateure sogar eine Einführung in die Marktlage: "Wenn Du David Beckham in der Unterhose siehst, schick uns das Bild sofort rüber und mach echte Kohle." Aber: "Craig von ,Big Brother' ist nicht mehr so aufregend. Solange Du nur Z-Listen-Personal ablichtest, wird es dauern mit der Yacht."

Die Profis hassen die "Citizen Paparazzi". Sie ruinieren die Preise, ruinieren die Schüsse und machen die "Celebs" noch gereizter. Doch ihre Bilder entsprechen den Wünschen des Publikums. Die technische und künstlerische Qualität des Fotos interessiert ebensowenig wie jene Sorte Obsession, die Ron Galellas Bilder der von ihm jahrelang verfolgten Jackie Kennedy so gut macht. Gefragt sind Berühmte in banalen Situationen.

Röntgenbild der Wahrheit

"Stars - sie sind wie WIR" lautete die Seite in Us Weekly, ein Titel, der unser neues Verhältnis zu den Berühmten am besten auf den Punkt bringt: Gwen Stefani füttert ihr Kind, Martin Sheen holt Hemden von der Reinigung, und Kurt Russell gähnt. "Die meisten Leute, die diese Magazine lesen, leben nicht in New York und nicht in LA, sondern irgendwo dazwischen. Die Kinder schreien, der Mann ist ein Idiot, das Wetter ist scheiße. Da ist es erholsam, ein paar harmlose Bilder aus einer schöneren Welt zu sehen, mit Stars, die Shopping machen wie sie selbst", sagt Elterman.

Doch die neuerdings so flachen Hierarchien sind auch die Konsequenz aus Reality-Fernsehen und Youtube-Ruhm, die Warhols Diktum mit den 15 Minuten täglich neu bestätigen. Wenn jeder "American Idol" oder Deutschlands "Superstar" sein kann, warum dann noch echte Stars anbeten? Der Glamour kommt den kleinen Angestellten zu, die es in den "Big Brother"-Container geschafft haben, während das Leben der echten Stars immer mehr einer Reality-Show ähnelt.

Umso lieber sehen wir diesen aber beim Stolpern und Fallen zu, als wollten wir diesen kulturellen Klimawechsel immer wieder neu vorgeführt sehen. Angesichts ihrer Katastrophen fühlt sich die Banalität des eigenen kleinen Lebens gleich viel besser an. Solange die Stars aussahen wie solche und sich so benahmen, drückte sich die Schadenfreude noch hinter respektvoll vorgehaltener Hand aus.

Doch seit sie im Spiegel der Paparazzi-Fotos als hässlich, irr und öde erscheinen, sind alle Hemmungen vergessen. Die Fotos sind zu Einladungen geworden für aggressive Hasstiraden, so als seien die Abgelichteten Schuld an all unserer mit ihnen verlorenen Lebenszeit. Je besser sie von ihren Image-Wächtern abgeschottet werden, desto blutrünstiger fällt das Publikum in jedem unaufmerksamen Augenblick über sie her.

Nicht ihre schlechten Filme oder ihr exzessiver Reichtum werden ihnen zum Vorwurf gemacht, auch nicht Dummheit oder schlechter Geschmack. Stattdessen werden ihre Körper abgesucht. Nach Anzeichen der Schwangerschaft, nach Spuren frischer Operationen, am liebsten aber - in geheuchelter Fürsorge oder offen schadenfroh - nach Symptomen des Pathologischen. "Breaking News: Amy Winehouse hat immer noch geschwollenes Gesicht!", ließ eine Website vor wenigen Tagen über den Bildschirm laufen, als sei ein Krieg ausgebrochen.

Hier sind die Paparazzi in ihrem Element. Ob Michael Jacksons Nase oder Nicole Richies Hungerarme: Der Schnappschuss, wenn er nur hart und direkt genug ist, zeigt wie ein Röntgenbild die Wahrheit, die die Stars mit ihrem falschen Lächeln gern verbergen würden. Zu dünn, da stimmt was nicht. Zu dick, der Kummer! Und Britneys Augen: Sind es Prozac-Augen? Sind es Provigil-Augen?

Die endlose Serie von Anfuttern, Runterfasten, Zudröhnen, betrunken Autofahren, Rehab, Durchdrehen, Scheidung, Riesenkrach und Versöhnung, kurz: Leiden, Schönsein, Kranksein - alles für uns - ist unter dem Kamera-Blitzlicht die Achse der Star-Karriere geworden. Die Zeiten, als James Dean fröstelnd und dekorativ über den Times Square ging, sind lange vorbei. Und später, als er im Porsche starb, hatte er nicht mal getrunken.

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(SZ vom 10.3.2008/ehr)