Ein Bild und seine Geschichte Strauss recycelt, Brahms beneidet

Gastgeber Johann Strauss (li.) mit Johannes Brahms im Jahre 1894 auf der Veranda der Strauss-Villa in Ischl.

(Foto: SZ Photo)

Komponist Johannes Brahms bewunderte Johann Strauss für den "Donauwalzer", dessen berühmte Fassung im Mai 1867 Premiere hatte. Doch hinter dem Werk stecken einige Kuriosa - und ein pikantes Geheimnis.

Von Oliver Das Gupta
Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto aus den vergangenen 150 Jahren. Hinter manchen Aufnahmen steckt eine konkrete Geschichte, andere Bilder stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Da stehen sie einmütig nebeneinander, Johann Strauss Sohn und Johannes Brahms, der leichtfüßige Wiener und der schwermütig wirkende Hanseat. Sie lassen sich auf der Veranda von Strauss' Villa in Ischl fotografieren. Es ist der Sommer 1894, das neue Jahrhundert bricht bald an, beide sollten es nicht erleben. Aber noch haben die Herren etwas Zeit, die sie gerne immer mal wieder gemeinsam verbringen, zum Plaudern, Trinken und Tarock spielen.

Bei einer dieser Zusammenkünfte malt Brahms ein paar Takte auf, dazu die Worte: "Leider nicht von mir." Es sind die Noten von "An der schönen blauen Donau", dem "Donauwalzer", der Strauss steinreich und weltberühmt machte. Das Opus gilt als eine inoffizielle Hymne Österreichs, nach dem Zweiten Weltkrieg war sie es quasi tatsächlich für eine kurze Zeit.

Am Donauwalzer schrieben andere mit

Brahms bewundert Strauss, aus seinem Freund scheint die Musik geradezu herauszutriefen, wie er es einmal formuliert. Was Brahms nicht weiß: Strauss ist nicht nur Walzerkönig, sondern auch ein Meister im Wiederverwenden von bestehenden Melodien.

Gerade der Donauwalzer ist ein famoses Beispiel dafür, wie der Musikwissenschaftler und Komponist Norbert Linke herausgefunden hat. Strauss habe darin eigene Werke "recycelt", wie es der Duisburger Professor formuliert. "Alle zehn Melodien des Donauwalzers sind vorher bereits im Druck erschienen", sagt Linke der SZ, "unter anderem aus der wenige Jahre vorher erschienenen 'Wiener Chronik' hat er vier Melodien übernommen."

Die Genese des Donauwalzers ist ohnehin schon kurios: Strauss hatte dem Wiener Männergesangsverein eine Komposition versprochen, aber dann nichts präsentiert - der Meister hatte es damals nicht so mit dem Singen. Erst nach zähem Nachhaken lieferte Strauss, blieb aber der Uraufführung am 15. Februar 1867 fern.

Linke glaubt, dass der Komponist damals erst mal abwartete, ob jemand merkt, dass er eigene Klangideen neu gemischt hat. Doch es fiel niemandem auf, der Jubel war groß. In den Wochen danach entstand die heute so populäre Orchesterversion - allerdings werkelten maßgeblich andere Musiker daran mit. "Die Introduktion und die Coda am Schluss hat Strauss selbst geschrieben", sagt Musikforscher Linke, "dazwischen ist Gemeinschaftswerk".

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Die Premiere fand vor 150 Jahren im Wiener Volksgarten statt. Strauss wird wie immer mit dem Geigenbogen dirigiert und bei wichtigen Stellen selbst gefiedelt haben, manchmal soll er wie von der Musik berauscht gewirkt haben, was sein Publikum verzückte.

Doch Strauss gelang mit seinem Donauwalzer an jenem Sonntag, den 10. März 1867, kein großer Wurf. Denn damals wurde eine ganze Fülle von Musikstücken aufgeführt, gerade auch von den Strauss-Brüdern Josef und Eduard. "Der Donauwalzer ist damals eigentlich zerquetscht worden zwischen den Novitäten der anderen", sagt Linke.

Weltruhm dank Gastspielen in Paris und London

Weltbekannt wurde das Stück wenig später trotzdem - dank des Auslands. Strauss nahm das Stück mit zur Weltausstellung nach Paris, wo es großen Anklang fand. Im Le Figaro pries man Strauss-Kenner Linke zufolge das Werk und sah auch eine politische Dimension: Strauss, der Österreicher, dirigierte ein deutsches Orchester, die Bilse'sche Kapelle - ein symbolischer Sieg Österreichs über die Preußen, Wiedergutmachung für die Schlacht von Königgrätz ein Jahr zuvor, die der Wiener Kaiser Franz Joseph I. verloren hatte.

In London, einer weiteren Station, wurde der Donauwalzer ebenso umjubelt. Mitglieder der Bilse'schen Kapelle gründeten ein paar Jahre später die Berliner Philharmoniker.

Noch ein Kuriosum: Strauss' Großvater hatte sich einst in der Donau ertränkt, weil er horrende Schulden hatte. Sein Enkel machte mit seinem Stück über den Fluss ein Vermögen. Denn die Nachfrage nach den Klaviernoten war immens, Strauss' Verleger kam mit dem Drucken kaum nach, die Popularität des Stücks steigerte sich ungeheuer - und damit auch die ihres Komponisten.

Allerdings war Strauss in seinen letzten Lebensjahren am Wiener Hof nicht mehr so wohl gelitten. Um sich scheiden zu lassen und seine Adele zu heiraten, war er deutscher Staatsbürger geworden und - im erzkatholischen Österreich-Ungarn besonders schlimm - zum evangelischen Glauben übergetreten.

Auf der Veranda von Strauss in Ischl im Salzkammergut posieren also im Sommer 1894 zwei Deutsche für den Fotografen, die auch Wiener sind. Und für immer Wiener bleiben. Beide Komponisten liegen nebeneinander auf dem Zentralfriedhof.

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