Ein  Aufsatz Stocknüchtern

Angela Merkel als Romanfigur? Geht gar nicht, sagt der Schriftsteller Friedrich Christian Delius. Aber hat er recht?

Von Burkhard Müller

Studentinnen können ziemlich hartnäckig sein. Beispielsweise E., die den Schriftsteller und Hochschuldozenten Friedrich Christian Delius nach einer Veranstaltung festhält und ihm wie eine Pistole die Frage auf die Brust setzt: "Einen Punkt hab' ich noch: Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden?" Worauf der Angesprochene ohne zu zögern erwidert: "Nein." Es entspinnt sich eine längere Diskussion, die Delius im jüngsten Heft von Sinn und Form aufgezeichnet - oder imaginiert - hat (Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden? In: Sinn und Form, Jg. 69/3, 377-386).

Die Studentin versucht Delius als älteren Herrn, politischen Autor und Anhänger des Grundsatzes, alles könne Literatur werden, festzunageln - und hätten nicht er als Pfarrerssohn und Merkel als Pfarrerstochter sogar Gemeinsamkeiten, die ihm das Unternehmen erleichtern müssten? Der Angesprochene wehrt das Ansinnen mit wachsender Entschiedenheit, ja Entsetzen ab. "Mein Ich und die Kanzlerin, ich sehe da keine Brücke." Das schränkt die gestellte Frage auf recht egozentrische Weise ein.

Er meint, die Frauenperspektive, die bekäme er schon hin, und die Sache mit dem "Wir schaffen das" wäre ihm ja auch sympathisch, aber er könne so vieles nicht billigen, was diese Frau in der Vergangenheit getan habe, von ihrem Verhalten in der Euro-Krise bis zu ihrem Umgang mit Berlusconi. Das Ganze driftet ins Abseits der moralisch-politischen Abrechnung hinüber. Je länger seine Ausführungen dauern, desto mehr verfestigt sich beim Leser der Eindruck: Es ist weder wahrscheinlich noch wünschenswert, dass Delius dieses Buch schreiben wird.

"Ok, ich geb' auf", sagt die Studentin schließlich erschöpft. Worauf die erwartbare Wendung eintritt, dass Delius an die offenbar begabte junge Frau die halb neckische Aufforderung richtet: Wie wäre es denn, wenn sie selbst dieses Werk in Angriff nähme? Man könnte die Kanzlerin ja vorwegnehmend im Jahr 2033 auf einer Rügener Kreideklippe zeigen, wie auf einem Bild von Caspar David Friedrich, nachsinnend über ihr Leben und die längst vergangene Kanzlerschaft ...

"Mein Ich und die Kanzlerin, ich sehe da keine Brücke."

Das ist, mit Verlaub, ein rechter Kitsch-Einfall. Delius traut der Literatur offenbar nur dann Handlungsfähigkeit zu, wenn sie sich von der lebendigen Nähe ihres Gegenstands verabschiedet hat. Eine Angela Merkel als Romanfigur erscheint ihm vorstellbar nur, wenn sie Ex-Kanzlerin wäre. Interessant ist sie aber jetzt, als Kanzlerin. "Stocknüchtern und spannungsarm" sei die Figur der Angela Merkel? Stocknüchtern ja, aber spannungsarm schon deswegen nicht, weil diese mächtigste Frau der Welt am Kreuzungspunkt aller heute relevanten Prozesse und Konflikte steht.

Ein fantasievoller Autor könnte gerade den Kontrast von Spannung und Nüchternheit als Beflügelung empfinden, und wer weiß, ob er dann nicht vielleicht auch die Form dafür fände. Rainald Goetz hat das vor einiger Zeit mit "Johann Holtrop" gewagt, in dessen Gestalt wenig verhüllt der Mega-Manager Thomas Middelhoff eingegangen war. Insgesamt war das ein Fehlschlag, aber ein bemerkenswerter, der neugierig auf andere Versuche macht. Das Genre des Kanzlerromans, da hat Delius recht, ist bis jetzt ziemlich dünn besetzt. Das betrachtet er kleinmütig als ein Argument dagegen. Man könnte aber auch umgekehrt behaupten, es würde höchste Zeit, dass sich mal einer dranmacht.