"Eileen" von Ottessa Moshfegh Tote Maus im Handschuhfach

Es scheint, als hätte Ottessa Moshfegh mit "Eileen" ausprobieren wollen, wie lange sie ihre Leser warten lassen kann.

(Foto: Krystal Griffith)

Eileen, Titelfigur im neuen Buch von Ottessa Moshfegh ist abstoßend und anziehend zugleich. Aber wie die amerikanische Autorin in ihrem deprimierenden Roman mit gängigen Genres spielt, ist sehr lesenswert.

Von Luise Checchin

Auf die Frage, welche der Figuren in Ottessa Moshfeghs Roman "Eileen" die sympathischste ist, würde man sich nach einigem Nachdenken wohl für Lee Polk entscheiden, einen Jungen, der im Gefängnis sitzt, weil er seinem Vater, der ihn missbraucht hatte, die Kehle durchgeschnitten hat. Allerdings ist Lee Polk eine Randfigur, und daran mag es also liegen, dass man ihn im Gegensatz zum restlichen Romanpersonal noch ganz erträglich findet. "Eileen", es dürfte bereits deutlich geworden sein, ist ein ziemlich deprimierender Roman. Und ein äußerst lesenswerter.

Er spielt im Jahr 1964 an der Ostküste der USA. Die Protagonistin Eileen ist eine unscheinbare junge Frau, deren Leben von Selbsthass, unterdrückter Aggression und Empathielosigkeit geprägt ist. Sie arbeitet als Sekretärin in einem Jungengefängnis, wo Missbrauch und Demütigung die pädagogischen Leitlinien bilden. Ihre Freizeit verbringt sie damit, ihren Schwarm, den Gefängniswärter Randy, zu stalken oder zu lesen. Ihr liebster Besitz ist eine tote Maus, die sie im Handschuhfach aufbewahrt.

Der Vater wiederum, ein paranoider Alkoholiker, bezieht seinen Lebenssinn aus Trinken und daraus, Eileen zu quälen. Zusammen leben die beiden in einem völlig verwahrlosten Haus. In dieses triste Leben bricht eines Tages Rebecca ein, eine junge Frau, die das genaue Gegenteil von Eileen zu sein scheint. Weltgewandt und selbstbewusst schickt sie sich an, das Gefängnis zu reformieren. Doch statt zu helfen, verführt sie Eileen zu einem Verbrechen.

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"Eileen" ist nach einer Reihe von Kurzgeschichten und dem Debütroman "McGlue" der zweite Roman von Ottessa Moshfegh. 2016 schaffte die Amerikanerin mit kroatisch-persischen Wurzeln es damit auf die Shortlist des Man Booker Preises. Im Guardian verkündete die 36-Jährige kurz nach der Nominierung, sie habe "Eileen" mit dem Ziel geschrieben, bekannt zu werden. "Es gibt all diese Idioten, die Millionen mit Büchern scheffeln", habe sie gedacht, "warum also nicht ich?" Also habe sie sich das Handbuch "The 90-Day Novel" gekauft und sei dessen Bestseller-Bastelanleitung gefolgt. Aus diesem Experiment sei das Grundgerüst zu "Eileen" entstanden.

Ob sich Freude oder Wahnsinn unter ihrer tödlich neuenglischen Fassade verbarg, bleibt unklar

Man könnte diese Geschichte als klug inszenierte Abfuhr an den originalitätsfixierten Literaturbetrieb abtun. Das wäre aber recht kurz gegriffen, denn man merkt "Eileen" durchaus den Versuch an, gängige Genres aufzugreifen und zugleich zu unterwandern. Auf den ersten Blick kommt der Roman als psychologischer Thriller daher. Die Frau, die einmal Eileen war, bevor sie aus ihrem Leben ausbrach und untertauchte, erzählt aus der Rückschau vieler Jahrzehnte ihre Geschichte. Von Anfang an stimmt sie ihre Leser darauf ein, dass etwas Furchtbares vorfallen wird. Doch anstatt dass sich ein Plot entwickelt, wiederholen sich in einer Art Dauerschleife die Erniedrigungserlebnisse der jungen Eileen. Das Verbrechen, das sie schließlich begeht, ist sehr schnell erzählt und ohne Spannung. Es scheint, als hätte Moshfegh mit "Eileen" ausprobieren wollen, wie lange sie ihre Leser warten lassen kann.

Diese Redundanz macht Sinn, immerhin erzählt hier eine alte Frau von ihrer Jugend, solche Erinnerungen verlaufen selten linear. Aber so interessant diese erzählerische Hinhaltetaktik aus formaler Sicht sein mag, so anstrengend ist sie zu rezipieren. Die frustrierte und trostlose Stimmung, die Eileen verspürt, lässt sich so im Lektüreprozess wirklich nachempfinden. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch den Ton der Erzählerin, die keinerlei Mitleid mit ihrem jüngeren Ich zu haben scheint: "Mein Gesicht", heißt es zu Beginn, "war mit Aknenarben bedeckt, und ob sich Freude oder Wahnsinn unter meiner tödlich kalten neuenglischen Fassade verbargen, blieb unklar. Hätte ich eine Brille getragen, wäre ich vielleicht als Intellektuelle durchgegangen, aber ich war zu ungeduldig, um wirklich schlau zu sein."

Eileen ist eine Figur, die einen gleichzeitig abstößt und anzieht. Sie ist Opfer und Täterin, gleichermaßen mitleid- wie ekelerregend. In diesem Sinn kann man "Eileen" durchaus als feministischen Roman begreifen. Schließlich ist es längst nicht selbstverständlich, dass einer weiblichen Romanfigur so viel Ambivalenz und Abgründigkeit zugestanden wird, wie Moshfegh es tut. Dazu gehört auch, dass die Autorin ihrer Protagonistin einen Körper gibt, der schwitzt und stinkt. Eileen wäscht sich nur sporadisch, sie tut alles, um davon abzulenken, dass sie ein sexuelles Wesen ist, und ihre größte körperliche Befriedigung sind die Abführmittel, mit denen sie ihre Verdauungsprobleme behandelt. Sie ist eine echte Außenseiterin, keine romantisierte Anti-Heldin, bei der am Ende alles gut wird. Eileen ist sensibel und grausam, fantasievoll und egozentrisch. Nein, sympathisch ist sie nicht, aber dafür sehr lebendig.

Ottessa Moshfegh: Eileen. Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind Verlag, München 2017. 336 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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