Ehemaliger Trump-Berater Zündeln am Weltenbrand

Nach dem Schock von 9/11 begann Bannon, sich und anderen die neue Weltordnung zu erklären, indem er zahllose Freund-Feind-Erzählungen miteinander verschraubte.

(Foto: REUTERS)

Eine Ausstellung über die Ideologie von Stephen Bannon zeigt auf erschreckende Weise, wie anfällig die Demokratie dafür ist, mit demokratischen Mitteln zerstört zu werden.

Von Till Briegleb

Jedem halbwegs aufrechten Demokraten ist am Ende dieser Ausstellung zumindest ein bisschen übel. Die Rekonstruktion der geistigen Entwicklung des Trump-Propagandisten und zeitweiligen Beraters im Weißen Haus, Steve Bannon, die im Nieuwe Instituut in Rotterdam nachvollzogen wird, zeigt auf erschreckende Weise, wie anfällig die Demokratie dafür ist, mit demokratischen Mitteln zerstört zu werden. Die Verwandlung vom Shakespeare-Liebhaber und Aufklärer für Klimafragen zum rassistischen Demagogen mit biblischem Endzeitvokabular, die anhand von Bannons Medienerzeugnissen analytisch beschrieben wird, wirkt aber nicht als persönlicher Lebensweg so bedrohlich.

Es sind die Massen braver Patrioten, die Steve Bannons krude Vermischung aus Johannes-Offenbarung, rechtem Leninismus, Verschwörungstheorien und trivialem Geschichtsverständnis für glaubwürdige Welterklärung halten, die die dunkle Rückseite der Aufklärung belegen. Das gesamte demokratische Sendungsbewusstsein beruht auf der Annahme, dass freie Meinungsäußerung nur zu größerer Freiheit und Vernunft führen kann.

Frau klettert auf Freiheitsstatue, um gegen Trumps Einwanderungspolitik zu protestieren

Drei Stunden lang saß Therese Okoumou auf dem Sockel der Freiheitsstatue, beinahe 50 Meter über der Erde, und demonstrierte gegen Trump. mehr ... jetzt

Nun aber glauben Millionen angeblich aufgeklärter Demokraten mit Steve Bannon, dass die weißen Bürger Amerikas als auserwähltes Volk gegen das "Biest" kämpfen müssen, das sich unter anderem im Islam, im Feminismus oder im Versuch der Schwarzen, durch hohe Geburtenraten einen "weißen Genozid" zu erreichen, verkörpern soll.

Die Bausteine für Steve Bannons Ideologieentwurf eines "Christian free market nationalism", die der Künstler und Kurator Jonas Staal in "A Propaganda Retrospective" zusammenträgt, sind eigentlich wenig überraschend für die Biografie eines Verschwörungstheoretikers. Bis zum Anschlag auf das World Trade Center war Bannon ein schlingernder Charakter auf der Suche nach sinnvoller Beschäftigung. Er agierte im aggressiven Übernahmegeschäft bei der Investmentbank Goldman Sachs, arbeitete als Chef einer Biosphärenanlage, als Autor für ein Rap-Musical, produzierte progressive Hollywoodfilme unter anderem mit Sean Penn und versuchte schließlich in Hongkong, den Spielern des Online-Games "World of Warcraft" digitale Zusatzelemente zu verkaufen.

Aber nach dem Schock von 9/11 begann Bannon, sich und anderen die neue Weltordnung zu erklären, indem er zahllose Freund-Feind-Erzählungen miteinander verschraubte. Daraus wurde Schritt für Schritt eine eschatologische Mythologie vom messianischen Volk der weißen Amerikaner im Kampf gegen das Weltböse. Das geistige Fundament dieser Heilslehre, die Bannon in epischen Pseudodokumentationen zur Geschichte der Menschheit entwickelte, sind neben der Bibel und seinem nationalistischen Rassismus vor allem die Ideen Ayn Rands sowie der spekulative Ableger von Oswald Spenglers zyklischer Geschichtsschreibung für Amerika von William Strauss und Neil Howe.

Ayn Rand propagierte in ihren Büchern wie "The Fountainhead" oder "Atlas Shrugged" das Modell absoluter individueller Freiheit, das von den Normen der Gemeinschaft bedroht sei. Mit ihrem Schluss, alle Formen von Staat seien als strukturell diktatorisch abzulehnen, lieferte Rands Ego-Philosophie vor allem Munition für die Tea Party und ihr Postergirl Sarah Palin, die sehr von Steve Bannon unterstützt wurde.

Strauss und Howe dagegen erfanden die Theorie des "Fourth Turning", ein wenig empirischer Biorhythmus der amerikanischen Geschichte, dessen Bedrohungs- und Befreiungszyklen nur dann logisch erscheinen, wenn man Geschichte extrem selektiv beschreibt - und, wie Steve Bannon, an die alles ermöglichende Kraft von starken Führern wie Reagan oder Trump glaubt.

Jonas Staal strukturiert in dieser enorm faktenreichen Ausstellung Bannons ideologische Entwicklung wie seine demagogischen Mittel in unterschiedlichen Kapiteln. Er zeigt Bannons Bildmetaphorik auf, indem er die wiederkehrenden Stilelemente seiner manipulativen Fernsehdokus auf einzelnen Monitoren zusammenfasst: Mit Naturkatastrophen, Raubtieren, Banknoten, Kriegsbildern und plakativen Grafiken erzeugt Bannon in all seinen Filmen eine Stimmung apokalyptischer Bedrohung der amerikanischen "Freiheit". Dazu denunziert er alle Formen von linken oder schwarzen Freiheitsbewegungen als Umsturzversuche einer gottgegebenen Ordnung christlicher Herrschaft in Amerika.

Jonas Staal zeigt Bannons Bildmetaphorik auf, indem er die wiederkehrenden Stilelemente seiner manipulativen Fernsehdokus auf einzelnen Monitoren zusammenfasst.

(Foto: Remco van Bladel und Jonas Staal, Künster: Jonas Staal)

Am Ende stellt Staal Bannons Weltsicht in den Chor der anderen ultrarechten Demagogen in den USA, die gemeinsam als Steigbügelhalter für Donald Trump wirkten, wie Andrew Breitbart, David Horowitz, Tammy Bruce oder Mark Levin. Und er ergänzt diesen Hassverein, der für die weiße amerikanische "Freiheit" am Weltenbrand herumzündelt, um Hassverstärker im Internet, denen selbst diese Spalter immer noch nicht rechts genug sind. Diese Einbettung in den Fackelzug sprachlicher Gewalttäter zeigt eben, dass auch nach Steve Bannons etwas abruptem Karriereende 2017 die Dinge nicht zum Besseren stehen. Menschenverachtung, schematisches Denken und fehlende Empathie sind weiterhin der politische Mainstream der Ära Trump. Und das alles ist voll demokratisch legitimiert. Oje.

Steve Bannon: A Propaganda Retrospective. Het Nieuwe Instituut, Rotterdam. Bis 23. September.

Was Stephen Bannons Filme über sein Weltbild verraten

Bevor Bannon zum wichtigsten Berater von US-Präsident Trump wurde, hat er Dokumentarfilme gemacht. Wer sie sich ansieht, bekommt es mit der Angst zu tun. Analyse von Kathleen Hildebrand mehr...