Echo wird abgeschafft Endlich am Geburtsfehler verendet

Der Echo ist weg, und niemand, der Ohren, Herz oder Seele hat, muss ihm nachtrauern. Treppenwitz der Geschichte ist aber: Den inhaltsfreiesten Musikpreis haben ausgerechnet Inhalte getötet.

Kommentar von Jakob Biazza

Zwei Witze waberten schnell durchs Netz, als das Ende des Echos bekannt wurde - beide spielten auf das grandiose Scheitern von Deutschlands größtem Musikpreis an: "Der Echo gibt den Echo zurück", lautete der eine. Der andere: "Der Echo wurde abgeschafft. Dafür haben Kollegah und Farid Bang den Echo dann wirklich verdient." Witze müssen nicht unbedingt gut sein, um wenigstens im ersten Moment zu helfen, die Welt zu sortieren. Lache, wenn's nicht zum Weinen reicht - die Weisheit von Herbert Grönemeyer (selbst Echo-Preisträger natürlich) trifft es hier doch sehr.

Der Echo ist also tot, und niemand, wirklich niemand, der Ohren, Herz oder Seele hat, muss ihm auch nur eine Sekunde nachtrauern. Der Preis war schließlich von Anfang an eine Farce. Eine Auszeichnung, die vorgab, etwas mit Kunst zu tun zu haben, tatsächlich aber quasi ausschließlich hohe Verkaufszahlen adelte. Eine Prämie für kommerziellen Erfolg. Erdacht und vergeben von Plattenfirmen, die nichts anderes wollten, als, sehr salopp gesprochen, den Teufel noch mal auf den größten Haufen scheißen zu lassen. Zusätzliche Promo für ihre erfolgreichsten Projekte. Und dabei: quasi maximale Entkopplung von den künstlerischen Inhalten. Nominierte und Preisträger in diesem Jahr unter anderem: die Kelly Family, die Toten Hosen, Helene Fischer, Peter Maffay, Johannes Oerding, Kerstin Ott, Yvonne Catterfeld, Julia Engelmann, die Lochis, Santiano, die Kastelruther Spatzen.

Jungs, hört auf, eure Lines zu verharmlosen!

Dass Künstler inzwischen Antisemitismus und Islamismus nutzen, um zu schocken, ist logisch. Es ließe sich aber ändern: Hörer und Rapper müssen die Musik endlich ernst nehmen. Gastbeitrag von Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray mehr ...

Für das Ende des Preises brauchte es eine Maximaleskalation

Und der (wiederum ziemlich gute) Treppenwitz der Geschichte lautet nun: Genau das, die künstlerischen Inhalte, haben dem Preis letztlich das Leben gekostet. Er ist, endlich, an seinem Geburtsfehler verendet.

Und es brauchte dafür tatsächlich noch mal die Maximaleskalation. Also: eine Diskussion um die antisemitischen Textzeilen zweier Preisträger - eben Kollegah und Farid Bang, die auf "0815" rappen: "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" - und eine größere Anzahl ziemlich großer Künstler, die ihren Echo zurückgegeben haben. Letztere haben damit in Summe offenbar tatsächlich eine Front gegen ihre eigene Branche aufgebaut, die groß genug war, um diese endlich aufzuwecken. Überraschend.

Denn die Diskussion um die Auschwitz-Zeile war von den Verantwortlichen bis dahin heuchlerisch, weil ganz offensichtlich nur pro forma geführt worden. Man rief einen Ethikrat an. Der missbilligte das Spiel mit den antisemitischen Ressentiments, entschloss sich aber trotzdem gegen einen Ausschluss und für die Kunstfreiheit. Nicht überraschend.

"Jung, brutal, gutaussehend 3", das Album der beiden Rapper mit der Auschwitz-Widerwärtigkeit, war schließlich die bestverkaufte Hip-Hop-Platte des vergangenen Jahres. Nach den bisherigen Regularien war eine Prämierung also im Grunde unvermeidbar. Und der Veranstalter, der Bundesverband Musikindustrie, ganz offenbar zu wenig daran interessiert, die Regularien zu ändern. Wer auf Zahlen statt auf Inhalte schaut muss prämieren, was die Zahlen diktieren. Wer das zu lang tut, verliert irgendwann scheinbar jedes Gefühl für Werte - oder wenigstens die Stimmung in der Welt.

Den Reset-Knopf drücken - das klingt nach einer Chance

Jetzt also alles auf Anfang. Die drei bisherigen Preise (also auch Klassik- und Jazz-Echo), hieß es auf einer Pressekonferenz, würden "in eine eigene Struktur überführt" und im Zuge dessen auch alle "bisher involvierten Gremien ihre Tätigkeit" einstellen. Das klingt nach einer Chance. Reset-Knopf drücken. Und endlich einen Musikpreis schaffen, der wirklich auf seinen Gegenstand schaut: Musik. Es bräuchte dafür eine Jury, die etwa nach dem Vorbild der Grammys Kunst und Inhalte auszeichnet, statt Verkaufszahlen abzufragen.

Leider ist fraglich, ob eben das wirklich passieren wird. Auf der Pressekonferenz jedenfalls klangen die Pläne so: Beim geplanten neuen, noch namenlosen Musikpreis, soll die Jury nun "stärker in den Vordergrund rücken". Viel mehr kann und will der Bundesverband derzeit nicht sagen. Das klingt, als könnte sich doch auch wenig ändern. Und das wäre wirklich lächerlich. Fast zum Weinen.

Das ist Kunst, du Opfer

Der neue Antisemitismus in Deutschland ist jetzt auch multikulti. Wie Judenfeindlichkeit durch Kollegah, Bushido und andere Rapper massiv die Schulhöfe erobert. Von Verena Mayer, Jens-Christian Rabe und Thorsten Schmitz mehr...