Von MARCUS JAUER

Wehklagen aus der Gruft - man hat ja auch allen Grund: 2003 wird das schlechteste Jahr der deutschen Phonobranche gewesen sein. Da kann doch im Saal keine Freude aufkommen, wenn die üblichen Verdächtigen einen nur hierzulande beachteten Preis für ihr lau(t)es Schaffen erhalten.

Ehrlich gesagt, man möchte kein Plattenboss sein. Entweder muss man Leute feuern, jeden dritten Mitarbeiter im letzten Jahr. Oder man zeichnet Umsatzkurven, die, wären sie Tonleitern, längst tief im nichthörbaren Bereich angekommen wären. Zwanzig Prozent der Erlöse hat die deutsche Musikindustrie im letzten Jahr verloren. Wahrscheinlich wäre man aber selber längst gefeuert, wie es zuletzt drei Deutschlandchefs der fünf Majors erging. Falls nicht, müsste man allerdings zur Verleihung des Echo-Musikpreises nach Berlin kommen. Und das wäre dann der wichtigste Grund, warum man kein Plattenboss sein möchte.

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Das ist, ja doch!, die Nicht-einmal-Zahnarztfrau, aber doch schon perlweiße Jenny Elvers. Auch sie kam zur Echo-Verleihung. Wie so viele. (© Foto: AP)

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Das Berliner Kongresszentrum ist eigentlich kein Ort, an dem der angeblich zweitwichtigste Musikpreis der Welt verliehen werden dürfte. Die lokale Auslegeware auf Glamour zu bürsten, ist in Jahren des Wachstums schon schwer. Nachdem aber Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände, gleich zu Beginn sagte, 2003 sei das schlechteste Jahr überhaupt gewesen, sah es so aus, als würde der ganze Abend grau und staubig werden. ¸¸Nichts wird so sein, wie es war", sagte Gebhardt, und dazu pfiffen leise die Autoren, denen man gerade 40 Prozent ihrer Lizenzeinkünfte kürzen will.

Darauf kam Michael Mittermeier, der ein Comedian ist, nicht singt und deshalb ein wahres Wort sprechen kann, auf die Bühne und sagte, er könne die Jammerei nicht mehr hören, die Umsätze (oh!) und die Piraten (weh!), die Branche sei selber schuld. Jetzt könnte man nur die Amerikaner anflehen, damit sie das Land von den musikalischen Massenvernichtungswaffen eines Dieter Hussein befreien. Im Übrigen: ¸¸Der Taliban mag böse sein, aber wenigstens singt er nicht."

Da haben alle ganz befreit gelacht, genauso wie sie später, als Bohlen und seine Superstars ausgezeichnet wurden - der eine als bester nationaler Produzent, die anderen für die beste Single -, ganz entschlossen gepfiffen haben. Nur hat so eine Depression ja auch etwas Irrationales. Der Echo ist kein Kritikerpreis, sondern ein Verkaufspreis, und Bohlens Kindergarten macht Umsatz, rettet also die Arbeitsplätze wenigstens einiger im Saal. Trotzdem dieser Hass auf sämtliche Castingshows, ganz so als könne es eben keinen richtigen Star geben im falschen System.

Die Sympathien des Abends lagen bei einer Gruppe, die es ohne Fernsehen und Bild-Zeitung auf diese Veranstaltung geschafft hatte. Wir sind Helden gewannen drei Preise. Die Berliner Band um die Sängerin Judith Holofernes hatte ihre erste Single selber herausgebracht und promotet, nachdem keine Plattenfirma das für sie tun wollte. Einige von ihnen wären dazu bereit gewesen, hätte sich die Sängerin von ihrer Band getrennt, aber das wollte sie nicht. Von ihrem Debütalbum verkauften sie 300 000 Stück. Liegt die Rettung für die Branche also darin, sich nicht mehr an die Regeln zu halten, die sie selbst aufgestellt hat?

Scheinbar schwebte da große Nachdenklichkeit im Kongresszentrum, denn obwohl in den drei Stunden immerhin Kylie Minogue, Pink, Anastacia, oder Outkast auftraten, rührte sich kaum eine Hand zum Applaus. Wie sediert der ganze Saal. Nur die 200 Fans, die man vorn an der Bühne in einen kleinen Graben eingesperrt hatte, jubelten pflichtgemäß. So kamen die Kameras zu ihren Schnittbildern, damit der Anschein gewahrt werden konnte, während der Sender RTL die Verleihung ins Fernsehen brachte.

Leider hat man als Depressiver oft zuerst kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu. Etwa wenn Anastacia den Auftritt wiederholen muss, weil die Aufzeichnung nicht funktioniert. Oder wenn Wir sind Helden minutenlang in ihrer Dekoration feststecken, einer Einraumwohnung, die meterhoch über der Bühne hängt. Zum Schluss muss man sich als Plattenboss auf seiner eigenen Veranstaltung dann noch vom Gliedertierexperten Dirk Bach als Kakerlake beschimpfen lassen. Nein, man möchte mit diesen armen Menschen nicht tauschen. Da geben sie rund zwei Millionen Euro für einen Abend aus und haben nicht mal Spaß.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.56, Montag, den 08. März 2004 , Seite 12)