East Side Gallery "Ist Kultur denn jarnischt mehr wert?"

Berliner sind am Vormittag auf die Barrikaden gegangen, um die East Side Gallery zu schützen. In die weltberühmte Mauer-Galerie wurde wegen eines Luxusbauprojekts ein Loch gerissen. Nun sind die Arbeiten gestoppt worden.

"Das ist äußerst peinlich für diese Stadt", und "Ich schäme mich gerade, ein Berliner zu sein". Solche Sätze fielen heute in der Hauptstadt, und diesmal nicht wegen des Debakels um den Flughafen BER. Seit dem Morgen klafft ein neues Loch in der weltberühmten Berliner Mauer.

Hunderte Menschen konnten nicht verhindern, dass das erste Stück der East Side Gallery entfernt wurde. Bereits am Morgen hatten sich Demonstranten zusammengefunden, die auf eine E-Mail der Bürgerinitiative "Mediaspree versenken!" reagiert hatten, in der zum sofortigen Boykott der Bauarbeiten aufgerufen wurde.

An den offiziellen Absperrungen kam es laut Berichten zu Rangeleien. Nach Polizeiangaben wurden drei Demonstranten festgenommen. Gegen elf Uhr erklärte die Polizei dann, die "nicht angemeldete Kundgebung" nachträglich zu genehmigen. Die Abrissarbeiten würden fürs Erste gestoppt. Ob und wann die Arbeiten fortgesetzt werden, war zunächst nicht bekannt.

Das Abrissvorhaben an einem der berühmtesten Orte Berlins sorgt für enormen Unmut. "Hier wird ein gesamtdeutsches und weltweites kulturelles Erbe abgerissen", sagte Robert Muschinski von der Initiative "Mediaspree versenken!". "Kein Mensch wurde informiert, noch nicht einmal die Künstler", empört sich auch Aktivist Nico Hesslenberg, wie der Tagesspiegel in seiner Online-Ausgabe berichet. "Ist Kultur denn jarnischt mehr wert?!" - diese Frage wurde auf einem Plakat bei der Demonstration gestellt.

Der Künstler Kani Alavi hat den Berliner Senat aufgefordert, sich klar zum Erhalt der Open-Air-Gallery zu bekennen. Zudem müsse der Senat schnellstmöglich alle Schritte einleiten, um das Denkmal und das Kunstwerk zu schützen, teilte der 1. Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery mit.

Insgesamt 120 internationale Künstler hatten sich seit 1990 an der Gestaltung des Original-Mauerstücks beteiligt, um die politischen Umwälzungen der Wende zu kommentieren. Erst vor fünf Jahren wurden verwitterte Teile von den Künstlern erneuert. Die Kosten: 2,5 Millionen Euro.

Drei dieser Bilder sollen nach aktuellen Plänen nun dem Bagger zum Opfer fallen, auf einer Gesamtlänge von 23 Metern. Grund ist der Bau eines 60 Meter hohen Hochhauses mit Luxuswohnungen, genannt "Living Levels". Aber auch der Anschluss der Brommybrücke an die Mühlenstraße sowie ein Fluchtweg zwischen Spree und East Side Gallery seien im Gespräch. "Für uns steht fest, dass wir Living Levels ab Frühjahr bauen werden", sagte Bauherr Maik Uwe Hinkel laut Tagesspiegel. In der Vergangenheit hatten Investoren bereits mehrfach Durchbrüche erstritten.