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Rüdiger Suchsland geht in seinem Dokumentarfilm "Von Caligari bis Hitler" der deutschen Mentalität in der Weimarer Zeit auf den Grund. Im Film dominierten Schreckgestalten. Sah das Kino die Zukunft voraus?

Von Hannes Vollmuth

Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? Gute Frage. Eine Frage, in der schon die Möglichkeit steckt, Filme könnten den Geist einer Epoche freilegen, bevor die Epoche überhaupt begreift, sie könnte einen Geist haben. Aber jetzt mal konkreter: Wusste das Kino der Weimarer Republik mehr als seine Zeitgenossen? War in der legendären Filmfigur des Dr. Caligari schon der ganze Hitler angelegt?

Der Film, der diese Fragen an den deutschen Film stellt, stammt vom Filmkritiker Rüdiger Suchsland. Er lief auf dem Filmfest Venedig, dann kurz im Kino, jetzt gibt es ihn auf DVD. Suchsland hat seinen Film nach einem Buch von Siegfried Kracauer benannt: "Von Caligari bis Hitler". Auch Kracauer, der große Feuilletonist der Weimarer Republik, entdeckte im Kino ein hellseherisches Potenzial. Und niemand dechiffrierte so klar wie Kracauer, was all diese Leinwand-Psychopathen damals zu bedeuten hatten: nichts Gutes. Suchslands Film-Essay ist also auch eine Verbeugung vor seinem Vorbild Kracauer. Genauso hell wie Kracauer will auch Suchsland die deutsche Filmseele ausleuchten. Was dort nämlich zum Vorschein kommt, ist nicht nur faszinierend, hypnotisierend, irritierend. Es hat wohl auch zu den Ursachen des Zweiten Weltkriegs beigetragen.

Die Doku beginnt mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Deutschland hat den Krieg verloren, und aus der Asche des verlorenen Krieges steigt die neue Weltmetropole Berlin auf. In dieser Stadt entdeckt der deutsche Film sich auf wunderbare Weise selbst, Berlin wird zum europäischen Treibhaus der Kulturproduktion. Bald schon schleichen dann wahnsinnige Gestalten über die Kinoleinwände: der Golem, Mabuse, der Spieler, Dr. Caligari. "Das Cabinet des Dr. Caligari" wird 1920 zum ersten Riesenhit. Der geheimnisvolle Magier Caligari tritt auf Jahrmärkten auf, mit dabei Cesare, sein somnambules Mordwerkzeug: Cesare schleicht sich bei Nacht in bürgerliche Schlafzimmer.

Dr. Marbuse: eine der Schreckgestalten des deutschen Kinos.

So gruselig diese Figuren schon am Anfang des Jahrzehnts sind, so schaurig geht es weiter. Mit Friedrich Wilhelm Murnau reisen die Deutschen in die Karpaten zu Graf Orlok, eine Reise in die Nacht, in die Natur und in die deutsche Seele. Im selben Jahr, 1922, sorgt Fritz Lang für eine Filmbegegnung mit Dr. Mabuse, dem Manipulator, der kein Gesicht hat, aber viele Masken trägt. Täter, Massenmörder, Psychopathen, Wahnsinnige, Verführer - die Suchsland-Kracauer-These wirkt selbst verführerisch. Die Psyche einer ganzen Nation stülpt sich nach Außen - direkt auf die Kinoleinwand.

Vielleicht sollte man den Deutschen Film der Weimarer Jahre aber trotzdem nicht auf seine psychopathologischen Hauptfiguren reduzieren. Und das tut auch Rüdiger Suchsland nicht. Es gab alles, und das gleichzeitig: Fritz Lang, der Steven Spielberg der Zwanzigerjahre, schenkte den Deutschen eine Reihe von Kinospektakeln, zum Beispiel die Nibelungen-Saga mit Spezialeffekten wie einem feuerspuckenden Lindwurm und Kriemhild als unvergessliche Rache-Queen. Gleichzeitig existierte aber auch der neusachliche Film ("Menschen am Sonntag"), das psychologische Drama ("Fräulein Else"), der westernhafte deutsche Bergfilm ("Der heilige Berg") und der Science-Fiction-Blockbuster "Metropolis".

Erzählt wird dieser Film-Essay mit vielen Schwarz-Weiß-Originalsequenzen, Interviews mit Volker Schlöndorff und Fatih Akin, Filmhistoriker und Kulturwissenschaftler kommen zu Wort. Und über alles fließt der kluge Sprechertext wie eine Kaskade. Suchsland tastet sich fragend voran, tanzt durch die Filmgeschichte, reicht Szenen wie Argumente und versucht wie ein zweiter Siegfried Kracauer, der Mentalität der Deutschen auf die Spur zu kommen. Als nach all den Wahnsinnigen, den Mabuses und Caligaris, plötzlich Adolf Hitler auftaucht, wirkt das erschreckenderweise kein bisschen fremd.

Jetzt wäre nur noch interessant zu wissen, ob auch der aktuelle deutsche Film so ein Zeitgeistmesser ist. Vielleicht lohnt sich ja der Blick.

Rüdiger Suchsland: Von Caligari zu Hitler. Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen. DVD mit Bonusmaterial, unter anderem mit einem Interview mit dem Regisseur Volker Schlöndorff. 118 Minuten. good!movies, 19,90 Euro.