Drogen und Gesellschaft Highway in die Spießigkeit

Während die letzten Techno-Jünger zur Love Parade reisen, sind ihre Drogen längst in der Mitte der Gesellschaft gelandet. Über das letzte Aufbäumen einer todgeweihten Bewegung.

Von Verena Krebs

Bernd ist 28, studiert Kommunikationsdesign und arbeitet als Cutter. Früher verbrachte er viele Samstagabende in einem Club. Er machte dort "das Licht", wie es unter Eingeweihten hieß.

Ja da schau her! Gotthilf Fischer, Massendirigent, amüsiert sich prächtig auf der Love Parade in Berlin. Später im Hotel sah er dann bunte Papageien und rief doch lieber den Arzt.

(Foto: Foto: AP)

Das bedeutet: Er regelte am Computer die korrekte Zufuhr von Rot, Grün, Weiß für die Tanzfläche unter ihm. Manchmal "machte" er auch den Nebel, und einmal hüllte er dabei die Partygäste so tief in das Wasser-Glykol-Gemisch, dass diese hustend auf die Straße stürzen mussten, jaja. . .

Das ist schon wieder Jahre her. Heute legt Bernd immer noch in Clubs auf, aber mit Loveparade, Rave, Techno, hat er, wie er sagt, "eigentlich nichts am Hut, noch nie gehabt". Er sei doch eher ein Gemütlicher, der gern spazieren geht und es sich schön vorstellt, in einer Hütte im Wald zu leben.

Der Wald ist aber nun mal weit weg von München-Haidhausen, das Fernsehprogramm ist meistens schlecht, der Club hingegen nah, die Freunde sind auch schon da - und so schlägt Bernd sich heute noch, als Techno-Opa, durchs Clubland.

Techno ist tot, es lebe Techno

Zwischen lauter neuen Generationen, neuen Energien, neuen Codes. Einmal verzweifelte er in der Münchner "Roten Sonne" an österreichischen Raverinnen, die anderen Gästen Wäscheklammern an die Nasen hefteten.

Vergangenen Winter erschien er mit Tweed-Schiebermütze und Regenschirm in der "Registratur" und versprach, das Ende des Technos sei nun nahe. Dann schlief er während der Party zwischen dem spaßhungrigen Jungvolk ein, gut versteckt zwischen Sofa und Wand, weil der Techno immer noch da war, aber so schrecklich langweilig.

Genauso wie Drogen zu nehmen. Er tut es trotzdem, dann und wann. Um der alten Zeiten wegen. Und genauso banal, wie das klingt, ist heutzutage die Aura dieser, vielleicht sogar: aller Drogen.

Noch bis in die neunziger Jahre kamen Drogenkonsumenten vor allem an drei Orten vor: auf der Stadion-Rockbühne, in Hollywood und im dreckigen Berliner Bahnhofsklo aus "Christiane F."

Bedrohliche Mythen rankten sich um diesen Stätten, den schmalen Grat zwischen Leben und Scheitern, Wiederauferstehung und Tod. Und jeder, der damals vom Lehrer in der Schulpause beim Kiffen erwischt wurde, wurde auf seinen nun unausweichlichen Lebens-, zumindestens aber Karriere-Endpunkt hingewiesen.

Lustige bunte Pillen

Doch dann kamen die Neunziger. Der Techno. Die Flokati-Fellstulpen. Die lustige Hexenfrau mit den grünen Augenbrauen, der hochgepitchten Stimme und ihrem Lied "Somewhere over the Rainbow". Die bunten Pillen mit den eingestanzten Cowboys, Delphinen und Fröschen.

Noch nie zuvor hatte eine Droge sich so schnell über die Welt verbreitet wie Ecstasy. Natürlich wäre es falsch, ihre Wirkung und ihre Folgen deshalb herunterzuspielen, aber das hat ja auch nie ein vernünftiger Mensch getan, im Gegenteil: Forscher warnen seit vielen Jahren vor Spätschäden. Der degenerativen Wirkung auf das Hirngewebe. Dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Halluzinationen, Paranoia. Depressionen.

Aber: Offenbar fühlten sich davon nur wenige angesprochen. Laut Schätzungen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung haben knapp zehn Millionen Deutsche zwischen 18 und 59 Jahren Drogen zumindest einmal konsumiert.

Gerade Ecstasy ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Techno verkündete die Botschaft, dass alles gut sei und jeder lieb und dass es fast schon politisches Engagement wäre, seinen Busen in durchsichtige Plastikfolie zu hüllen, darin auf der Straße zu tanzen und "Friede, Freude, Eierkuchen" zu lallen: auf einer ordnungsgemäß angemeldeten Demonstration, genannt Love Parade.

Und die Welt dreht sich weiter

Manche Besucher drehten Live-Pornos, andere umarmten Polizisten und pinkelten in den Tiergarten. Viele konnten hinterher ihr Hotel nicht wiederfinden, und noch Tage später irrten struppige Flokatihäuflein durch Berlin. Aber die Welt änderten sie dadurch nicht, nicht mal ein bisschen.

Um dies alles weiterhin vor sich selbst rechtfertigen zu können, warfen die Techno-Jecken sich und anderen immer mehr, immer anders bedruckte Pillen zu: Mitsubishis, Roadrunners, Sterne oder Herzen. . . Man konnte sich fortan als Teil einer großen Sache sehen, die ständig weiterwuchs.In englischen Fußballstadien gab es plötzlich Pillen zum Bier und seelig lächelnde Fankurven.

Einem properen Radrennprofi wurde angeblich irgendwas in der Disco zugeschoben. Dem armen Gotthilf Fischer, der eigentlich nur fröhlich musizieren wollte, wurde was ins Glas gekippt. Irgendwo war immer jemand dicht. Der Praktikant auf der Medien-Aftershowparty genauso wie ein Liegewiesennachbar, der anschließend aus der 50 Zentimeter tiefen Isar vor dem Ertrinken gerettet werden musste.

Auf der Love-Parade tanzte nach einer Weile jedoch nur noch der saufende Hartz-IV-Nachwuchs. Ende der Neunziger war Techno offiziell tot, aber im Grunde hatte er sich nur umgezogen und umgetauft: Er nannte sich nunmehr "Electro" oder "Minimal", DJs wie Miss Kittin und DJ Hell kleideten sich in Helmut Lang und Versace und kreierten den gehobenen Porno-Schick.

Jede Vorstadt-Tussi lief plötzlich im Lackmini und zu engen Muscle-Shirt herum. Wer rebellieren wollte, musste sich schon etwas anderes ausdenken: "Wahre Liebe wartet" propagieren. Auf dem Kirchentag "Benedetto" brüllen. Oder in die CSU eintreten.

Lesen Sie auf Seite 2 mehr über Digitale Bohèmes und Mietnomaden.