Widerstand des Einzelnen: Er erhob die Stimme gegen Hollywood, gegen die KPD, gegen Armut. Zum Tod des Drehbuchautors und Schriftstellers Budd Schulberg.
Wegsehen und den Mund halten, das war nicht sein Ding. Auch wenn es ihn den Job, den guten Ruf, die ganze Karriere kosten konnte. Mit dieser kompromisslosen Haltung in Leben und Arbeit hat der Autor Budd Schulberg immer wieder für Aufsehen gesorgt, an den großen Grabenbrüchen zwischen Kunst und Politik - und dabei einige der berühmtesten Figuren der amerikanischen Film- und Literaturgeschichte geschaffen.
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Man muss eben kämpferisch bleiben, ein Leben lang - das war Budd Schulbergs Credo. Er wurde 95 Jahre alt. (© Foto: ap)
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Da ist zum Beispiel Terry Malloy, 1954 gespielt von Marlon Brando in "Die Faust im Nacken" - der Hafenarbeiter, der sich der kriminellen Allianz von Mafia und Gewerkschaften in den Docks von New York nicht länger beugen will; oder Sammy Glick, der skrupellose Hollywood-Aufsteiger - eines der frühesten und immer noch eindrucksvollsten Exemplare des modernen Karriereschweins, aus dem Roman "Was treibt Sammy an?"; oder schließlich Eddie Willis, der Boxreporter in "Schmutziger Lorbeer", der mit ansehen muss, wie hoffnungslos korrupt sein geliebter Sport geworden ist - Humphrey Bogarts letzte Rolle. Wo immer also Gier und Verlogenheit in Amerika systemrelevant wurden, da war Budd Schulberg nicht weit, um für die Freiheit und Unbestechlichkeit des Individuums zu streiten. Ein uramerikanisches Thema, das auch immer wieder für Triumphe gut war - der Drehbuch-Oscar im Jahr 1955, für "Die Faust im Nacken", ist dabei nur der bekannteste.
Und doch verlief Schulbergs Weg weit weniger gradlinig, als das Leitmotiv seines Werks suggeriert. Das ging schon damit los, dass er 1914 keineswegs als einer jener Underdogs geboren wurde, die er so gern in seinen Filmen und Romanen beschrieb. Sein Vater B. P. Schulberg war Produktionschef bei Paramount, seine Mutter eine bekannte Literaturagentin. Der junge Budd wuchs unter den Stars der Stummfilmzeit auf, Teil der lokalen Jeunesse dorée, Sprössling eines neuen Hollywood-Adels.
Von keiner Ideologie zu bändigen
Doch dem jungen Mann gelang es nicht, die große Depression einfach zu ignorieren, die Obdachlosen und Hungernden auf der Straße. Eine Reise nach Moskau erledigte den Rest - Budd wurde Mitglied der Kommunistischen Partei der USA und beschloss, den Moloch Hollywood, den er von innen her kannte, vor aller Welt zu entlarven. Sein Vater flehte ihn zwar an, "Was treibt Sammy an?" nicht zu veröffentlichen, aber 1941 erschien das Buch. In Hollywood brauche er sich nie wieder blicken lassen, hieß es sofort, aber auch die Kommunisten waren entsetzt: Wo blieb hier die Parteilinie? Schulberg wurde im Streit aus der Partei ausgeschlossen.
Ein freier Geist also, von keiner Ideologie zu bändigen - damit war das Kapitel aber noch lange nicht abgeschlossen. Nach einem Kriegseinsatz bei den Propagandatruppen, wo er unter anderem den Befehl bekam, Leni Riefenstahl in ihrem Chalet in Kitzbühel zu verhaften, begann in den USA die paranoide Kommunistenhatz des Senators Joseph McCarthy. Schulberg trat 1951 als freiwilliger Zeuge vor dem Komitee gegen unamerikanische Umtriebe auf - und nannte Namen. Aus seiner Sicht eine klare Sache: Warum sollte er ehemalige Parteigenossen schonen, die ihn drangsaliert hatten und mundtot machen wollten? Es blieb aber doch der Vorwurf, mit dem Feind paktiert zu haben. Dieser Makel sollte im liberalen Hollywood zeitlebens an ihm haften bleiben.
Aus dem Erlebnis von Oppression und Machtspielen heraus entstand dann aber Schulbergs berühmtestes Werk, "Die Faust im Nacken", in dem Brando eine universale Klage über den Verlust des amerikanischen Traums formulieren darf: "Ich hätte was werden können, zumindest ein klasse Boxer. Und was bin ich geworden? Ein gemeiner Lump." Der Film griff auch den politischen Konflikt mit der Linken wieder auf, überhöhte ihn aber zur zeitlosen Parabel über die Widerstandskraft des Einzelnen.
Man muss eben kämpferisch bleiben, ein Leben lang - das war Budd Schulbergs Credo. Und wenn wieder einmal kein unabhängiger Politiker in Sicht sei, wer habe dann noch die Freiheit, seine Stimme zu erheben? Der Autor natürlich! Einer der letzten, die solche Überzeugungen mit der eigenen Biographie beglaubigen konnten, ist nun abgetreten. Budd Schulberg starb am Mittwoch in seinem Haus in Westhampton Beach, New York. Er wurde 95 Jahre alt.
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(SZ vom 7.8.2009/jeder)
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