Inspiriert von "Dr. No" und "Feuerball": Am Set in Bregenz erklärt der Regisseur Marc Forster seine Vision für den neuen James-Bond-Film "Quantum of Solace".
Auch James Bond hat an diesem Pfingstwochenende die Koffer gepackt. Er genießt eine kurze Auszeit, genau wie das 300 Mann starke Filmteam, das ihn seit Monaten um die Welt begleitet. Italien, London und Panama waren die ersten Stationen des "Quantum of Solace"- Drehs, dann ging es in der chilenischen Atacamawüste rund um den Berg Cerro Paranal weiter, wo das Observatorium der Europäischen Südsternwarte steht.
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Ungesundes Verhältnis? Bond und Bond-Girl (Daniel Craig und Olga Kurylenko) in Chile. (© Foto: Sony Pictures)
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Doch besonders die letzten Tage, Bonds Besuch bei einer Opernaufführung der Bregenzer Seebühne, sorgten hierzulande für Aufregung. Was da genau gespielt wurde, war zunächst selbst von eingeschleusten Beobachtern nicht zu erfahren - bis Sony Pictures den Zugang zum Set und zum Regisseur Marc Forster endlich freigab.
Der Look der Sixties
Da steht er nun also mit Blick auf das riesige Auge des Seebühnenbilds, der Deutsch-Schweizer mit dem markanten Glatzenschädel. Nach all den Lastwagen, Kamerakränen, Aufpassern und Menschen mit Funkgeräten, die man auf dem Weg zu ihm passiert hat, herrscht nun die Ruhe im Auge des Orkans. Forster, 41, spricht leise und präzise und lässt sich von den schätzungsweise 200 Millionen Dollar, die auch in diesem Moment wie Sand durch seine Finger rieseln, nicht beeindrucken.
Der Mann, der mit "Monster's Ball" bekannt wurde und zuletzt "Drachenläufer" in die Kinos brachte, gilt als sensibler Schauspieler-Regisseur - warum also Bond? Nun ja, das Angebot lag vor, und Entscheidungshilfe gab der große Orson Welles: Der habe es einmal als den Fehler seines Lebens bezeichnet, nie einen kommerziellen Film gemacht zu haben. Und wenn schon kommerziell, dann Bond.
Sodann nennt Forster frühe Bondfilme wie "Dr. No" und "Feuerball" als Inspiration, die "visuell ihrer Zeit weit voraus waren", und politische Paranoia-Thriller der siebziger Jahre wie Alan J. Pakulas "Parallax View". Was einerseits natürlich zu den Ursprüngen der Serie zurückgeht, wo die Rettung der Welt wirklich noch eine Frage des Stils war - andererseits aber auch an die bewusste Verunsicherung des New Hollywood anknüpft, wo Kategorien wie Gut und Böse mehr und mehr durcheinandergerieten. Das werde man auch bei ihm spüren, verspricht Forster - gemeinsam mit Daniel Craig habe er viel daran gearbeitet, tiefer als je zuvor in die düstere Psyche des Agenten einzudringen, und erstmals werde auch dessen "ungesundes Verhältnis zu Frauen" thematisiert.
James Bond? Frauen? Ungesund? Schon die Idee, dass hier ein Problem liegen könnte, ist im Bond-Universum im Grunde als Sakrileg anzusehen. Ist Forster vielleicht doch der falsche Mann für den Job? Er genieße das volle Vertrauen der Produzenten, grinst er - und in der Tat muss man sagen, dass schon der Vorgängerfilm "Casino Royale", wo Daniel Craig auch Zweifel und Weichheit zeigt, um etwa seine verzweifelte Gespielin zu trösten, eine ganz neue Frauengeneration für das Franchise zurückerobert hat - nicht umsonst wurde Craig zum bisher erfolgreichsten Bond überhaupt.
Damit die Stimmung aber nicht gar zu kuschelig wird, folgt anschließend die Erklärung der Bregenz-Kampfsequenz. Eine Reihe von Superschurken, die auf keinen Fall zusammen gesehen werden dürfen - auch der CIA-Direktor und britische Regierungsmitglieder gehören dazu -, sitzten verteilt im hochfeinen Publikum der "Tosca"-Aufführung, um per Knopf im Ohr eine geheime Lagebesprechung abzuhalten. Bond schafft es, sie per Funk zu stören und aufzuschrecken - und identifiziert sie in dem Moment, als sie ertappt aufspringen. Dann Schüsse, Panik, Kampf - und am Ende fliegt ein Handlanger des Bösen vom Dach des Schauspielhauses.
Nacht über dem Bodensee
Diese Dachszene wird in der letzten Nacht von Bregenz gedreht. Bond drückt dem Gegner seine Waffe in den Nacken, verschwitzt, angespannt, Mordlust blitzt in seinen Augen. Er will Namen und Auftraggeber hören, sofort - aber immer wieder bricht Daniel Craig unzufrieden ab. Lange konferieren Star und Regisseur, während Craig seine Pistole nervös um den Finger wirbeln lässt. Hier wird ernsthaft schauspielerisch gearbeitet, auch wenn nur eine namenlose Figur in die Tiefe stürzen soll. Ob diese neue Intensität nun aber das Beste ist, was Bond im Augenblick passieren kann, oder aber am Ende doch einen Schritt zu weit Richtung Psychodrama geht - das ist in dieser sternklaren Nacht am Bodensee noch unmöglich zu sagen.
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(SZ v. 10./11./12.5.2008/korc)
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