"The Walk" von Robert Zemeckis 110 Stockwerke über der Erde

110 Stockwerke über der Erde: Die Spielfilmrekonstruktion von Philippe Petits Hochseil-Performance zwischen den Türmen des World Trade Centers im Jahr 1974.

(Foto: dpa)

Den omnipräsenten Bildern von 9/11 entgegenwirken, das war die Idee von Robert Zemeckis. In seinem neuen Film geht es um einen Hochseilartisten, der 1974 zwischen den Türmen des World Trade Centers balancierte.

Von David Steinitz

Der Gleichgewichtssinn gilt im Zeitalter des Superheldenstaus in Hollywood eigentlich nicht als heroische Begabung. Dass einer geradeaus laufen kann und die Leute deshalb ein Kinoticket kaufen? Eine wenig verbreitete ökonomische Formel. Trotzdem hat der Regisseur Robert Zemeckis nun einen opulenten, schwindelerregenden Spielfilm genau darüber gedreht - über einen Mann, der geradeaus laufen kann und muss.

In "The Walk" erzählt er die wahnsinnige, aber wahre Geschichte des französischen Artisten Philippe Petit, der mit Hilfe einiger Freunde 1974 nachts heimlich ins neu gebaute World Trade Center einstieg, ein Stahlseil zwischen die Twin Towers spannte und am frühen Morgen des 7. August mehrmals zwischen den Türmen hin und her balancierte - mit der Eleganz eines neugierigen Spaziergängers. Zum Schluss legte er sich sogar für ein paar Minuten rücklings auf sein Seil und schaute sich die vorüberziehenden Wolken an.

Nun ist in der Biografie der Twin Towers jener 7. August vom 11. September 2001 brutal verdrängt worden. Nicht zuletzt, weil Petits Performance eher kümmerlich, die 9/11-Attacken umso üppiger dokumentiert sind.

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Regisseur Zemeckis, der spätestens seit "Forrest Gump" zu den großen amerikanischen Kinochronisten gehört, wollte mit der modernen Digitaltechnik den Bildern vom Einsturz seine Bilder von der Geburtsstunde des World Trade Center entgegenstellen. Die New Yorker lehnten das monströse Gebäude in Lower Manhattan mit gerümpfter Nase ab - bis Petit es mit seinem zauberhaften Auftritt quasi einweihte, ihm etwas Märchenhaftes und Menschliches verlieh.

Mehrfach durch den popkulturellen Fleischwolf gedreht

Der spektakuläre Coup des Franzosen ist schon mehrfach durch den popkulturellen Fleischwolf gedreht worden. Es gibt ein hübsches Kinderbilderbuch, außerdem Petits Autobiografie, die jetzt auch die erzählerische Grundlage für "The Walk" ist. Und natürlich die oscarprämierte Dokumentation "Man On Wire", in der Regisseur James Marsh 2008 Petits Aktion mit viel Archivmaterial und ein bisschen Reenactment als Thriller-Doku aufbereitete.

Was all diese Werke nicht leisten konnten: den Zuschauer wirklich mit aufs Seil steigen zu lassen - 110 Stockwerke über der Erde.

Die überwältigende Erotik dieses schwindelerregenden Spaziergangs nachvollziehbar zu machen ist die irre Leistung der Macher von "The Walk". Zu zeigen, wie Petit zuerst den linken Fuß auf das Stahlseil stellt, dann den rechten nachzieht; wie er, ganz behutsam, die ersten Schritte tut. Und wie dann unter seinen Füßen, in der Morgensonne von Manhattan, die Wolkendecke aufreißt und einen atemberaubenden Blick auf jenes legendäre New York der Siebziger preisgibt, das längst wie ein sagenumwobenes Atlantis untergegangen ist und nun komplett digital wieder aufersteht - eine unglaubliche Schau.

All die kleinlichen Nachweltfragen - war das Happening Kunst, Leichtsinn, Ruhmsucht oder alles auf einmal? - verfliegen in diesen aufwendig rekonstruierten Momenten der puren Gegenwart. Es macht in diesem Film, und das fällt dem schwer 3-D-genervten Kritiker nicht ganz leicht zu schreiben, ausnahmsweise sogar die 3-D-Technik einen Sinn.

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