"Dr Dee" von Damon Albarn Musikalischer Allesprobierer

Mathematik und Musik, afrikanische Instrumente mitten im klassischen Orchester: Blur- und Gorillaz-Erfinder Damon Albarn macht vor nichts halt, "singt über die Vergangenheit, um damit etwas über die Gegenwart auszusagen." Jetzt hat der rastlose britische Popstar sogar eine Oper aufgenommen. Wirklich.

Von Max Fellmann

Wenn im Leben eines Popstars der Moment kommt, an dem er seine Ernsthaftigkeit und seinen Anspruch unter Beweis stellen will, wird es in der Regel unangenehm. Im Fall von Sting zum Beispiel gilt das schon seit 25 Jahren. Demonstratives Bemühen, weihevolle Ernsthaftigkeit. Das Problem ist natürlich immer das Alter und damit die Frage: Wie die Kurve kriegen, wenn es zum jungen Wilden nicht mehr reicht? Auch für Damon Albarn, der gerade 44 geworden ist, scheint der Moment gekommen zu sein: Er hat eine Oper geschrieben: "Dr Dee" (Parlophone/EMI).

Damon Albarn auf dem Cover seines neuen Albums "Dr Dee".

(Foto: AP)

Wobei Albarn ein besonderer Fall ist. Er hat schon so viele verschiedene Projekte hinter sich, dass eine Oper zumindest nicht völlig abwegig wirkt. Zuerst war er Sänger und Songschreiber der großen britischen Band Blur. Dann gründete er die noch erfolgreichere Comic-Band Gorillaz, bei der stets nur gezeichnete Figuren in Erscheinung traten. Zwischendrin veröffentlichte er malinesische Musik, musizierte mit den Helden seiner Jugend, mit Paul Simonon, dem Bassisten von The Clash, und Tony Allen, dem legendären Afro-Beat-Schlagzeuger, mit Bobby Womack und Lou Reed.

Im März erst hat er ein Album unter dem Namen "Rocket Juice and the Moon" veröffentlicht, zusammen mit Flea, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers. Dazwischen komponierte er Filmmusik und schrieb Lieder für ein merkwürdiges Bühnenspektakel zwischen Circus und Peking-Oper. Im August wird er mit Blur im Londoner Hyde Park auftreten, als Höhepunkt beim offiziellen Abschluss der Olympischen Spiele. Und jetzt, kurz Luft holen, jetzt also die Oper.

Worum geht's? Absurd genug, um einen englischen Mathematiker des 16. Jahrhunderts: John Dee (1527-1608). Der Mann war Berater von Königin Elizabeth I., außerdem Astronom und Okkultist. Er widmete 30 Jahre seines Lebens dem Versuch, mit Engeln zu kommunizieren, in der Hoffnung, auf diese Weise die "Universalsprache der Schöpfung" zu erlernen und die Menschen zu vereinen. Dass Albarn von so einer Figur fasziniert ist, passt: Er ist ja selbst so ein ewig Suchender, ein Allesprobierer.

Jetzt also Folkpop, Renaissance-Klänge, moderne E-Musik

Jedes seiner Projekte ist geprägt von dem Wunsch, Neues zu entdecken, auch wenn er es dem Hörer damit schwer macht. Blur wurden mit den Jahren konsequent sperriger und anstrengender. Die Gorillaz fingen an mit gut gelauntem Party-Hip-Hop und landeten bei entrücktem Elektro-Soul-Gefipsel. The Good, The Bad & The Queen, eins von Albarns besten Projekten, klang über weite Strecken, als übten ein paar müde Männer zum ersten Mal miteinander.

Jetzt also Folkpop, Renaissance-Klänge, moderne E-Musik und das Leben eines Mathematikers, der vor 400 Jahren gestorben ist. "Dr Dee" wurde letztes Jahr schon einmal in Manchester uraufgeführt, im Juni folgen weitere Aufführungen in London, sie sollen eine Art Schaubildinszenierung mit kommentierendem Gesang werden. Es gibt keine Handlung, Albarn erklärte in einem Interview, er habe sich "nur ein paar Themen und Episoden aus Dees Leben ausgesucht und meditiere darüber", also geht es vor allem um Glaubensfragen ("A Prayer", "Cathedrals") und Astronomie ("The Moon Exalted", "Saturn").

Er sagt: "Ich singe über die Vergangenheit, um damit etwas über die Gegenwart auszusagen", aber genauer will er lieber nicht werden. Manche Texte klingen nach Endzeitstimmung und geplatzten Träumen ("I call to the dance, now the party begun / A time for revival or maybe just the marvelous dream"), England kommt als Thema immer wieder vor, Albarn behauptet, das Ganze sei auch ein Versuch, sich mit seiner eigenen "Englishness" auseinanderzusetzen.

Die Musik dazu ist ein durchwachsenes Erlebnis. Manchmal leicht und selbstverständlich, schlichte Popsongs, wie sie Albarn ohne große Pose beherrscht, dann wieder so bemüht, als wolle er unbedingt zeigen, dass er etwas von klassischer Musik versteht. Da rumoren die Bässe und Celli, da schmettern Posaunen schräg dazwischen. Immer wieder tauchen überraschend afrikanische Instrumente auf (überraschend natürlich nur im Zusammenhang der anderen Klänge, nicht in Bezug auf Albarns Karriere).

Den Gesang übernehmen oft klassisch ausgebildete Sänger, ein Countertenor muss verminderte Quinten jaulen. Und immer wieder Chöre, sehr viele Chöre. Dick aufgetragen, pathetisch, eine Art Carmina Burana zum Selberbasteln. Immerhin, Albarn will Grenzen testen, er wagt etwas, und das ist weit mehr, als andere Popmusiker bieten, wenn sie ähnliche Ausflüge unternehmen (Paul McCartneys Ballett? Stings Minnegesänge?).

Augenblicke jenseits einer Highbrow-Kulturveranstaltung

Aber "Dr Dee" hat auch gute Momente, vor allem dann, wenn Albarn selbst spielt und singt. Er braucht nicht viel, eine schrabbelige Gitarre und seine Stimme, die so abgeklärt klingen kann und so einsam, dann erinnert "Dr Dee" an die intimeren Songs von Blur. Und wenn alles gut geht, finden auch die disparaten Instrumente zusammen, die tief brummenden Streicher, eine monotone Kinderorgel, ein Bariton. Dann entstehen Augenblicke, in denen man nicht so sehr den Eindruck hat, einer Highbrow-Kulturveranstaltung beizuwohnen, sondern glaubt, tatsächlich funkelnde Verbindungen zwischen Folklore, Pop und E-Musik zu erleben.

Das Ganze auf einen Nenner zu bringen, ist kaum möglich. Albarn hat schon so viel gemacht in seinem Leben, dass es ohnehin schwer fiele, einen spezifischen Albarn-Sound zu beschreiben. Trotzdem gibt es etwas, das alle seine Projekte verbindet: der Mut zur Lücke. Zwar ist der Mann bekannt für seine sture Arbeitsmoral ("Ich mache meinen Job täglich von zehn bis fünf, fünf Tage die Woche, Schulferien ausgenommen"), aber bei ihm klingen Instrumente oft, als seien sie nur mal so fürs Erste aufgenommen, testweise. Er verzichtet darauf, Freiräume mit Wohlklang zu füllen. Ob bei Blur, bei den Gorillaz oder seinen vielen anderen Projekten - immer ist da etwas faszinierend Unfertiges. So scheint Albarns Musik nie abgeschlossen.

Immer bleibt das Gefühl, es gebe noch Details zu entdecken in dieser Musik, die sich erst beim wiederholten Hören zeigen. Vieles an "Dr Dee" ist deshalb sperrig und verschroben. Dennoch ist es ein typisches Albarn-Album geworden. Es wächst, je öfter man es hört. Währenddessen ist der Mann selbst natürlich schon wieder drei Schritte weiter.