Dominik Grafs Film zum "Fall Peggy" Gibt es eine "Order" von oben?

Ein Vermisstenfall aus Oberfranken? Schlampige Ermittlungen? Nein, das ist viel zu klein für diesen Krimi, den das ZDF aus welchen Gründen auch immer als "Landschaftsthriller" ankündigt. Hier geht es um mehr, hier geht es um ein System, um Polizeiarbeit, die von der Politik beeinflusst wird, und um Ermittlungsmethoden, die krimineller sind, als man es sich vorzustellen wagt.

Das Grundthema des Krimis ist also der Fall Peggy, aber es wurde von Graf, Ani und Jung völlig neu komponiert und mit dem Abstand der Fiktion behandelt. Der junge Berliner Polizist Tanner (Ronald Zehrfeld) kommt nach Oberfranken, wo er gleich zu Beginn des Films eine erdrosselte Frau am Straßenrand findet. Diese hatte kurz vor ihrem Tod gesagt, dass sie Sina vor wenigen Tagen in einem Supermarkt im tschechischen Grenzgebiet gesehen habe. In der Wohnung der Ermordeten stößt Tanner dann auf eine dicke Mappe mit Zeitungsausschnitten, die das Verschwinden des Mädchens und die Verurteilung des Gastwirtssohns Ecco dokumentieren.

Tanner stolpert also "ahnungslos und unvoreingenommen", so Dominik Graf, in diesen alten Fall hinein und "stellt sich dieselben Fragen, die wir uns stellen würden". Fragen, die seinem Vorgesetzten Wilhelm Michel nicht passen. Er ist der große Gegenspieler zum pensionierten Polizisten Altendorf. Er hat ihn damals als Leiter der Sonderkommission abgelöst und Ecco als Mörder überführt. Nun setzt Michel den Mann der Toten mit falschen Behauptungen im Verhör so unter Druck, dass dieser sich noch in der Nacht in der Gefängniszelle erhängt. Ehedrama. Fall gelöst.

Wenn Verbrechen so schnell aufgeklärt werden, sagt Dominik Graf, dann könnte es doch sein, dass es eine "Order" gibt. Mit dieser Grundidee spielt der Film. Michel bekommt seine "Order" aus der Münchner Staatskanzlei, vom Innenminister und dessen Staatssekretär, die - das lässt der Film im Ungefähren - mit dem Fall Sina zu tun haben müssen. Der Minister will Ministerpräsident werden, da stört jedes Gerücht über seine angebliche Nähe zum Kindersexmilieu an der tschechischen Grenze, da wäre jeder Bezug zur verschwundenen Sina fatal. Kommissar Michel muss also für Ruhe in der Provinz sorgen.

Schon da ist klar, warum "Das unsichtbare Mädchen" von der Bayerischen Filmförderung nicht unterstützt wurde, obwohl der Krimi eigentlich alle Kriterien erfüllt, um gefördert zu werden. Nicht zuletzt, weil Graf nach Wim Wenders' "Im Lauf der Zeit" aus dem Jahr 1976 zum ersten Mal wieder einen großen Film in Hof gedreht hat - und damit eine Region in den Mittelpunkt stellt, die sonst nur wenig beachtet wird. "Das ist doch der ultimative Heimatfilm", sagt Friedrich Ani zur Ablehnung der Filmförderung, "wenn auch ein bisschen härter".

Der junge Polizist Tanner, unterstützt vom pensionierten Kommissar Altendorf, lässt jedenfalls nicht locker und beginnt, im Fall des vermissten Mädchens zu recherchieren, der die kleine Stadt - im Film wie auch in der Wirklichkeit - bis heute spaltet und auch traumatisiert. Im Gasthaus von Eccos Vater hat einer eine rote Linie auf den Boden gemalt. Auf der einen Seite stehen die, die an die Unschuld des Jungen glauben, auf der anderen müssen die ihr Bier trinken, die ihn als Mörder vor Gericht gebracht haben. Und diese rote Linie zieht sich sinnbildlich durch die ganze Region.

Doch der Film ist nicht nur durch seinen Stoff so fesselnd, durch das ungestüme Losrennen des jungen Tanner, der nach Gerechtigkeit sucht und dabei jede Art von Grenze überschreitet. "Das unsichtbare Mädchen" lebt auch von seiner grandiosen Besetzung. Allen voran Ulrich Noethen, der dem Kommissar Michel eine herrlich diabolische Kraft und fränkische Kaltschnäuzigkeit verleiht. Elmar Wepper überzeugt mit jeder Geste als pensionierter, introvertierter und verbitterter Polizist Altendorf. Und Silke Bodenbender stellt die Mutter von Sina so unheimlich, unberechenbar, kaputt und herzzerreißend geplagt dar, dass man jede Sekunde um sie fürchtet - und auch Angst hat vor ihren Handlungen.

Das Wichtigste aber ist, mit welcher Härte dieser Film erzählt wird. Keine Figur ist eindeutig, keiner nur gut oder böse, so wie man es sonst aus deutschen Krimis gewohnt ist. Moralische Fragen interessieren nicht, hier schläft sich eine junge Polizistin mit ihrem Chef nach oben, hier verprügeln sich Tanner und seine Kollegin Evelin Fink (Anja Schiffel) so brutal, dass nicht nur die Möbel des Hotelzimmers zu Bruch gehen, sondern auch die Sehgewohnheiten all derer, die von dem, was Friedrich Ani das "deutsche Filzpantoffel-Fernsehen" nennt, seit Jahren eingeschläfert werden.

Der größte Tabubruch aber findet am Schluss des Films statt und soll nicht verraten werden, nur so viel: Er ist absolut unkorrekt, verstörend und gleichzeitig auch erlösend. Man kann den ZDF-Verantwortlichen deshalb nur danken, dass sie dem "Unsichtbaren Mädchen" diese Freiheit gelassen haben - verstößt sie doch gegen jede Gepflogenheit des deutschen Fernsehkrimis. Das Ende war dann auch ein Herzensanliegen von Friedrich Ani und Ina Jung. Sie haben sich ihre Erlösung, die es im realen Fall Peggy nicht gibt, ins Drehbuch geschrieben.