Dolmetscherin in Brüssel "Die Namen von den ganzen Fischen kann man nicht im Kopf behalten"

Zum Beispiel?

Die berühmte Geschichte, als der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2003 im Plenum sprach. Berlusconi beleidigte Martin Schulz, der damals Vorsitzender der Sozialisten war. Berlusconi sagte, in Italien werde gerade ein Film über Konzentrationslager gedreht, und er schlug Schulz für die Rolle eines Aufsehers vor. Aber der Dolmetscher hat nicht die Aufgabe zu zensieren, sondern alles wiederzugeben, was im Saal gesagt wird. Die Dolmetscherin damals hat einen kühlen Kopf bewahrt und es genauso verdolmetscht, wie Berlusconi es gesagt hat.

Waren Sie einmal in einer ähnlichen Situation?

Ich hatte so etwas bei der Kommission in einem Fischereirat. Ein Land ist sehr laut geworden, es ging gegen Deutschland und da fielen Worte wie "Scheißkerl". Das sind Situationen, in die ich nicht gerne komme, weil man nur noch denkt: "Oh Gott, ich möchte jetzt bloß nichts Falsches sagen." Der deutsche Minister kam zu uns in die Kabine und hat gefragt: "Hat der das wirklich gesagt?" Wir haben genickt, er ging wieder raus und sagte galant zu seinem Kollegen: "Übrigens, ich verbitte mir diesen Ton."

Werden die Abgeordneten oft ausfallend?

Nein, das passiert selten. Es wird oft hitzig diskutiert, aber selten herumgepöbelt. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede innerhalb des Parlaments, aber dennoch merkt man gerade hier, dass wir ein Kulturkreis sind. Und das macht das Dolmetschen einfacher: Man hat ein gemeinsames Verständnis davon, was daneben ist. Da haben es Dolmetscher in anderen Kulturen schwerer.

Mein anderes Ich

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Zum Beispiel?

In Japan. Es ist für die japanischen Kollegen schwer, so drastisch zu dolmetschen, wie zum Beispiel US-Präsident Donald Trump spricht. Denn ihre Kultur ist darauf ausgerichtet, immer die größte Ehrerbietung vor Respektspersonen zu bezeugen.

Wie retten Sie sich, wenn Sie einen Begriff nicht kennen?

Man kann sich nicht retten. Im besten Fall merken die Kollegen das, recherchieren den Begriff auf dem Tablet und schieben einem einen Zettel hin.

Und als Sie noch keine Tablets in der Kabine hatten?

Da kam ich zum Teil mit telefonbuchartigen Vokabellisten, die ich mir selbst zusammengestellt hatte. Fisch ist ein tolles Beispiel: Die Namen von diesen ganzen Fischen kann man nicht im Kopf behalten. Also muss man sich immer wieder auf die Fische vorbereiten. Und wenn irgendein Seehecht oder Dorsch genannt wird, reicht ein flehender Blick in Richtung Kollegen und der Fisch wird recherchiert. Es geht manchmal an die Grenze des Machbaren, und das wissen unsere Zuhörer auch. Deshalb sind die Zuhörer manchmal auch sehr hilfreich.

Inwiefern?

Ich kann mich an eine Sitzung im Haushaltskontrollausschuss vor vielen Jahren erinnern: Es ging im Deutschen um das Wort "Zuverlässigkeitserklärung". Ich hatte mich auf den Ausschuss vorbereitet, aber das Wort war mir in der fremden Sprache nicht geläufig. Also habe ich im Deutschen das falsche Wort benutzt. Die Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses, eine Deutsche, lieferte mir das Wort, indem sie es einfach in ihren Wortbeitrag einbaute. Das ist fantastisch, wenn man diese Kommunikation miterlebt. Dafür arbeitet man. Ich finde es toll dabeizusein, wenn Länder sich verständigen. Es ist nicht so toll, wenn Länder abhauen, wie Großbritannien.

Ist es denn möglich, den Sinn zu 100 Prozent zu übertragen?

Wenn jemand seine Sprache sehr gut kann und der Kontext nicht zu technisch ist, kann man hundert Prozent des Sinnes rüberbringen - sofern man akustisch alles mitbekommt. Es passiert im Eifer des Gefechts, dass sich ein Abgeordneter vom Mikro wegdreht, weil er zu einem Kollegen in der Reihe hinter ihm spricht. Im Idealfall gibt man jede Nuance wieder, klar. Aber oft geht es zu schnell, denn das Tempo wird immer schneller.

Weshalb?

Weil immer mehr verlesen wird. Vorbereitete Statements werden in einem Affenzahn vorgetragen. Tschechen und Polen zum Beispiel reden in einer Geschwindigkeit, gerade wenn sie ablesen, die atemberaubend ist. Die Verdolmetschung wird ab 120 Worten in der Minute schwierig. Ausschmückungen in einer Rede muss ich dann weglassen, weil man das so schön auf die Schnelle nicht hinbekommen kann.