Dokumentation Das Genie aus dem Erdloch

David Lynch in seinem Atelier in den Hollywood Hills.

(Foto: NFP)

Die Doku "David Lynch: The Art Life" zeigt, wie der Künstler zum bedeutenden Regisseur wurde.

Von Anna Fastabend

David Lynch kann sehr schön nachdenken. Das zeigt schon die erste Einstellung von "The Art Life", einer Dokumentation, die davon erzählt, wie er zum bildenden Künstler und einem der berühmtesten Filmemacher wurde. Lynch verharrt minutenlang regungslos auf einem Stuhl. Wenn er reptilienhaft auf eines seiner Kunstwerke stiert, ist er sein eigenes Monument. Nur sein Daumen streicht beständig über die Fingerkuppen, wahrscheinlich um die Einfälle auf Trapp zu halten. Dazu dieses markante, sonnengegerbte Gesicht, die silberne Sturmfrisur, das genüssliche Ausatmen des Zigarettenrauchs, mysteriöse Nebelschwaden, die ihn umhüllen. Sein Atelier in den Hollywood Hills zu verlassen mache ihn nervös, sagt er, dann sei er nicht mehr in seiner Welt. Die Filmemacher Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm haben einen Moment wie aus Lynchs Filmen geschaffen.

Lynch ist einer, der sich genau an die Albträume seiner Kindheit erinnert. Sie prägen nicht nur seine Filme, sondern auch seine Gemälde, Skulpturen und Reliefs. Man sieht ihn, wie er mit der Hand Farbe verteilt, Drahtstücke zu Sätzen biegt und einen brotartigen Kanten mit etwas beschmiert, das an Mayonnaise erinnert. Daraus entsteht ein Schleimklumpen. Seine kleine Tochter ist höchsterfreut über ihren herummatschenden Vater. Seine früheste Kindheitserinnerung sei das Spielen in einem mit Wasser gefüllten Erdloch gewesen, sagt er. Während seines Kunststudiums in Philadelphia habe er Obst und tote Tiere verwesen lassen, um die Stadien des Verfalls zu dokumentieren.

Seine Kunst funktioniert wie seine Filme. Bedrohliche Landschaften, Figuren, die ihren Kopf wie einen Heliumballon an einer Strippe festhalten. Überlange Arme, die Pistolen oder Messer halten, menschengroße Insekten. Das Bild mit der Frau, in deren schreckverzerrtem Gesicht an der Stelle des Mundes ein roter Schlund klafft, zeigt sein frühestes Trauma. Eines Abends, es war schon dunkel, sei ihm eine Frau begegnet, erzählt er. Sie war nackt, lief mit roboterhaften Bewegungen und blutverschmiertem Mund über die Straßen von Sandpoint, Idaho. Diese Erscheinung ließ ihn nie wieder los. Wer seine Filme kennt, ist ihr schon mehrfach begegnet. Zum Beispiel in "Blue Velvet" in Form von Isabella Rossellini. Oder in "Wild at Heart", als Diane Ladd sich in ihrer Verzweiflung das ganze Gesicht mit knallrotem Lippenstift bemalt. Diese Frauenfiguren kann man sich demnächst noch mal direkt hintereinanderweg ansehen, das Filmmuseum München widmet Lynch vom 8. September eine Retrospektive.

Der Dokumentarfilm aus Videos, Fotos, Atelieraufnahmen und Lynchs selbst erzählten Erinnerungen endet mit den Dreharbeiten von "Eraserhead" (1977), diesem surrealistischen Horrorfilm über einen Kindsmörder. Lynch war zu diesem Zeitpunkt am Center for Advanced Film Studies in Los Angeles angenommen worden, ein neuer Lebensabschnitt begann.

Nur manchmal wirkt diese Doku etwas konstruiert. Etwa als es darum geht, wie er zum Filmemachen kam. Er habe eines Abends eines seiner Gemälde betrachtet, und auf einmal hätten die grünen Blätter darauf angefangen, sich zu bewegen, und der Wind habe gerauscht, sagt Lynch. Na ja, von einem gewissen Alter an neigt man wahrscheinlich zur Legendenbildung. Gleichwohl erzählt dieser Film eine wunderbare Entwicklungsgeschichte, die dazu inspirieren kann, weniger auf die Kritik von anderen zu hören. Lynch war immer immun gegen übergriffige Professoren und sein besorgtes Umfeld: Er machte Kunst, wie sie ihm passte und rauchte, so viel er wollte.

David Lynch: The Art Life, USA 2017 - Regie: Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm. Kamera: Jason S. NFP, 88 Minuten.