"Pawlenski - Der Mensch und die Macht" im Kino Im Bann der Kompromisslosigkeit

Polizisten "befreien" Pawlenski bei seiner Stacheldraht-Aktion 2013.

(Foto: Lichtfilm)

Irene Langemann porträtiert den russischen Kunst-Terroristen Pawel Pawlenski. Mit seinen größenwahnsinnigen David-gegen-Goliath-Inszenierungen zwingt er der Staatsmacht Kämpfe auf, die immer nur er gewinnen kann.

Von Sonja Zekri

Sergei Netschajew war der Vater des modernen Terrorismus. Und zu den vielen Geschichten über sein wildes, wüstes Leben gehört auch jene, wie er im russischen Kerker des Zaren seinen Wärter umdrehte. Bald diente sein Bewacher ihm als Kurier, er riskierte alles.

Wer sich fragt, wie so etwas passiert, der findet in Irene Langemanns Dokumentarfilm "Pawlenski - Der Mensch und die Macht" über den russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski einige Antworten. Nicht dass Pawlenski ein Terrorist wäre, auch wenn er darauf besteht, wegen seiner Aktionen als Terrorist angeklagt zu werden, das ist Teil seiner Kunst.

Der russische Staat mache noch aus dem harmlosesten seiner Gegner einen Terroristen, so Pawlenskis Analyse, dabei ist sein Geheimdienst FSB selbst eine terroristische Vereinigung.

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In einer seiner letzten Aktionen hat Pawlenski die Tür des Geheimdienstes FSB angezündet. Mit dieser Szene beginnt der Film. Man sieht den FSB-Sitz an der Lubjanka, einen Kasten von monumentaler Düsternis, in dessen Kellern ungezählte Menschen zu Tode gefoltert wurden.

Davor steht Pawlenski, stumm, entschlossen, dürr wie ein Lagerinsasse, einen Kanister in den Händen. Dann brennt plötzlich die Tür, die Wachmänner laufen hierhin und dorthin, reißen ihn zu Boden, eine Benzinlache glänzt in der Nacht.

Duell-Situation, in denen Pawlenski nicht verlieren kann

Es ist eine Sequenz von ein paar Sekunden, aber darin liegt bereits die ganze Geschichte: die größenwahnsinnige David-gegen-Goliath-Inszenierung, die Pawlenskis Markenzeichen ist, die Tölpeleien eines repressiven Staates, der auf keinen Fall repressiv aussehen will, Pawlenskis elektrisierende Entschlossenheit.

Es ist eine Duell-Situation, und Pawlenski kann nicht verlieren. Was kann selbst ein folterbereiter Staat einem Menschen antun, der sich selbst den Mund zunäht, der seinen Hodensack auf den Roten Platz nagelt, der sich nackt in eine Rolle Stacheldraht legt,um ein paar seiner bekannteren Aktionen zu nennen? Eben.

Einmal sitzt Pawlenski im Winter nackt auf einer Mauer vor dem berüchtigten Serbski-Institut, einer Psychiatrie, in der sowjetische Dissidenten eingesperrt wurden. Dann säbelt er sich mit einem halbmeterlangen Messer ein Ohrläppchen ab.

Die russische Staatsgewalt mag mächtig sein - doch Pawlenski ist stärker

Und wieder laufen Polizisten, Ärzte und Krankenschwestern durcheinander. Nehmt ihn, sagen die einen, nein, er gehört euch, wiegeln die anderen ab. Sie stapeln Matratzen auf, dort, wohin Pawlenski springen soll. Natürlich springt er nicht. Jeder Angriff auf ihn, jeder Tag Untersuchungshaft, jedes Mal, wenn er vor Gericht in einem dieser absurden Käfige vorgeführt wird wie ein unberechenbares Tier, entlarvt der Staat sich selbst in seiner Paranoia, seiner Spießigkeit, seinem Mangel an Fantasie.

Irene Langemann durfte erstaunlich oft im Gericht drehen, jene ersten paar Minuten, ehe die Verfahren beginnen und manchmal auch länger. Es sind Bilder eines Scheiterns.

Denn auf eindrucksvolle Weise zeigt der Film, wie die Funktionsträger des Regimes einer nach dem anderen in den Bann dieses kompromisslos freien Menschen geraten: Der Beamte, der ihn verhört, kündigt. Der Psychiater, der Pawlenski wahrscheinlich als geisteskrank aus dem Verkehr ziehen sollte, zeigt sich beeindruckt von seiner Intelligenz und erklärt, er sei normal. Im Gefängnis inspiriert Pawlenski Mithäftlinge zu Gesprächen über Kunst.

Mit der Selbstverständlichkeit eines Gottes, der Menschenopfer empfängt

Irene Langemann hat sie gesprochen, den Beamten, den Psychiater, auch Pawlenskis Freunde. Manche Szenen spielt sie nach, die Figuren in Umrissen vor weißer Wand, wie Scherenschnitte. Da wird der parabelhafte Charakter dieser Konfrontation des Künstlers mit dem System unübersehbar.

Man begreift sehr gut, warum Menschen Pawlenski verfallen, seine Klarheit, seine Kompromisslosigkeit haben etwas ungeheuer Verführerisches, aber auch etwas Unmenschliches. Einmal, so erzählt seine Frau Olga Schalygina, habe sie ihn betrogen, einen Verrat begangen, danach habe er kein Vertrauen mehr zu ihr fassen können.

Da schnitt sie sich zwei Glieder einen Fingers ab. Und er nahm das Opfer an, versöhnt, und doch, so kommt man nicht umhin zu denken, mit der Selbstverständlichkeit eines Gottes, der Menschenopfer empfängt.

Pawlenski - Der Mensch und die Macht, D 2017 - Buch und Regie: Irene Langemann. Kamera: Franz Koch, Maxim Tarasjugin. Mit Pawel Pawlenski, Olga Schalygina. Verleih: Lichtfilm, 99 Minuten.