Dokumentarfilm Ein Land ohne Krieg

Eine Welt der Kindheit - Szene aus "Miss Kiet's Children".

(Foto: Verleih)

Die Doku "Miss Kiet's Children" will nicht belehren, ist aber ein bewegendes Plädoyer für Diversität.

Von Philipp Stadelmaier

Irgendwo in den Niederlanden gibt es eine Kleinstadt namens Hapert, und dort gibt es eine Grundschule, in der Kiet Engels unterrichtet. Oder einfach nur Miss Kiet, wie sie die Kinder nennen. Ihre Klasse ist nicht ganz wie die anderen. Miss Kiet unterrichtet Migrantenkinder, die bei ihr Holländisch lernen. Einige sprechen schon gut, zum Beispiel der Junge aus Mazedonien. Andere üben noch, weil sie erst kürzlich angekommen sind. Haya, Leanne, Jorj - sie alle sind mit ihren Eltern aus Syrien vor dem Krieg geflohen.

In "Miss Kiet's Children" dokumentieren Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster den Unterricht in Miss Kiets Klasse - dafür gab es auf dem diesjährigen Dok-Fest in München den Publikumspreis. Der Film beginnt, wie die Schule, in aller Früh. Miss Kiet kommt den Gang entlang, mit einer Kaffeetasse in der Hand. Auf dem bedruckten T-Shirt lässt sich das Motto ablesen, das sie den Film über nicht ablegen wird: "Create your own calm". Sorge für deine eigene Ruhe.

Das ist wichtig, denn der Tag beginnt mit einer Krise. Haya ist auf dem Schulweg hingefallen, ihre Hose ist schmutzig geworden. Aufgelöst bittet sie auf Arabisch ihre Mitschüler, die "Miss" zu fragen, ob sie ihre Mutter anrufen kann, aber Miss Kiet beruhigt sie einfach, gibt ihr eine frische Trainingshose aus dem Kleiderfundus - und versammelt alle zum Morgenritual, das zeigt, was wirklich zählt. "All die Unterschiede machen die Welt zu einem schönen Ort", sagt Miss Kiet. "Es ist schön, dass wir alle anders aussehen." Egal, wo man herkommt und welche Hose man anhat.

Alle sind anders, und nur weil zwei aus Syrien kommen, muss das nicht heißen, dass sie gut miteinander klarkommen. Haya ist kräftiger und älter und ärgert Leanne, die zarter und kleiner ist. Miss Kiet macht ihr klar: Das geht nicht. Und gleichzeitig macht sie ihr ein Angebot. Eine der vielen Geschichten des Films besteht darin, wie Haya sich einen Sticker verdienen wird, den die Kinder für gute Leistungen oder gutes Betragen kriegen. Am Ende ist die herrische Haya wie verwandelt und hilft den anderen, wo sie nur kann.

"Für jedes Problem gibt es eine Lösung" - das ist ein weiterer Spruch beim Morgenritual. Aber es gibt auch Probleme, die man nicht einfach lösen kann, beispielsweise die von Jorj. Auch er kommt frisch aus Syrien, ist deprimiert und unkonzentriert. "Die Stunde null ist gekommen. Tu, was du willst, spreng mich in die Luft." Diese Sätze sagt er auf Arabisch, während er über einer Aufgabe brütet. Man kann sich vorstellen, wie die Regisseure in diesem Moment nicht verstanden haben, was sie da gefilmt haben. Und dass die Bewahrung dieser Szene eine Weise war, diesem Jungen seine Sprache zurückzugeben, seine Erinnerungen und die Realität eines Krieges, aus dem er gerade noch heil entkommen konnte. Später erzählt er Miss Kiet von den Bomben, der Angst, der Schlaflosigkeit. Wie Miss Kiet Jorj zuhört und ihn dann doch neu motiviert - auch davon erzählt der Film.

Wenn die Latasters nie den Klassenraum und das Schulareal verlassen, dann zeigen sie die Schule dennoch nicht einfach als Ort eines Integrationsprojekts. Beim Sportunterricht macht Miss Kiet zwar deutlich: "Jungs und Mädchen nebeneinander, das spielt in diesem Land keine Rolle." Die Jungs und Mädchen sehen derweil so unbekümmert aus, als sei ihnen das schon immer egal gewesen. Die Niederlande werden nicht als paradiesischer Staat präsentiert, der voller Großmut Geflüchtete aufnimmt, um ihnen die Errungenschaften westlicher Zivilisation einzuimpfen. Die Niederlande sind hier weniger ein bestimmter Ort auf der Landkarte der Erwachsenen als ein Ort auf der Landkarte der Kinder: Einfach nur irgendein Land ohne Krieg und Bomben, an dem man sich in Ruhe an den Händen halten kann.

Ebenfalls in der Sportstunde treten sie vor einen großen Spiegel, um Monster oder alte Männer mit Krückstock zu imitieren. Es ist ein großer Kinomoment, weil sich die Kinder im selben Moment wie die Zuschauer als Figuren entdecken. Es ist ein Moment, in dem man sich mit ihrem Blick vollkommen solidarisieren, in dem man akzeptieren muss, dass die Welt, wie wir sie in diesem Film gezeigt bekommen, eine Welt der Kindheit ist. Miss Kiet ist quasi die einzige Erwachsene, die hier auftaucht. Wenn sie am Ende wieder mit ihrem Kaffee dasteht, merkt man, dass man nichts über sie weiß, außer dass sie eine brillante Pädagogin ist - liebevoll, geduldig, optimistisch. Ebenso pädagogisch brillant ist der Film. Die Latasters verzichten auf jegliche Musik, Kommentare und Interviews - sie filmen einfach nur. So erziehen sie nicht zu irgendeinem Umgang mit Kindern oder Geflüchteten, sondern sie zeigen eine gelungene Erziehung, und erzeugen dadurch, was in unseren Zeiten rar genug ist: Hoffnung für die Zukunft, die bekanntlich den Kindern gehört.

In Zeiten schwerer Polemiken und Fake News wird die Kamera, die einfach nur aufnimmt, zur Bastion der Realität selbst. Es genügt, diesen Film zu sehen, um zu wissen, dass Diversität etwas absolut Reales ist. Es gibt keine Flüchtlingsströme, es gibt nur Individuen wie diese Kinder. Es gibt keine Flüchtlingskrise, sondern einen Krieg. Und es gibt hier keine Moral - nur eine Kamera, die zeigt.

Miss Kiet's Children, NL 2016 - Regie: Petra Lataster-Czisch, Peter Lataster. Kamera: Peter Lataster. Déjà-Vu-Film, 114 Minuten.