Den Knoten zerschlagen, heißt das Motto. Statt dass Klebold wieder weinend unter seinen Kuscheltieren begraben einschlafen sollte, wie seine Mutter es einmal beobachtet hatte, würde er sich am 20.4.1999 unter einem Haufen Leichen zur endgültigen Ruhe legen. Doch wer kennt ihn nicht, den Wunsch mit allem aufzuräumen, ein Ende zu machen?
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Niemand aber, von den bekannten Ausnahmen in Erfurt, Winnenden oder anderswo abgesehen, käme auf die Idee, diesen Wunsch derart radikal in die Tat umzusetzen. "Ich bin voller Hass" bietet keine Erklärung; welcher Roman, sei er auch noch so dokumentarisch, täte das schon. Ein Rezept gegen Amokläufe, soviel dürfte nach zahllosen Diskussionen zum Thema längst klar sein, gibt es ohnehin nicht.
Gaertners Collage bietet jedoch eine neue Perspektive. Er lässt die Täter ausführlich zu Wort kommen, und wenn in ihren Aufzeichnungen das entscheidende Detail auch nicht zu finden ist, wenn nicht klar wird, wo genau der "point of no return" ist und wann die Würfel gefallen sind, so kann dieses Buch doch vielleicht helfen, das Gespür zu schärfen und den Tätern - statt sie als "krank" abzustempeln und ihre Morde damit dem Verstehen zu entziehen - ein Stück näher zu kommen.
"Es ist meine Schuld"
Die bekannten Motive sind alle vereint: Faszination für Waffen und Computerspiele ("Doom ist so in mein Hirn eingebrannt, dass meine Gedanken fast immer mit dem Spiel zu tun haben"), Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe und überhaupt ein gerüttelt Maß an Schizophrenie: Da leiden Harris und Klebold zwar unter den "jocks", den Sportlern und Schönheiten, den Helden der High School, ihr Hass aber gilt gerade denen, die vermeintlich unter ihnen selbst stehen: "Unsere zweite Mission", heißt es, "ging gegen das Haus dieser totalen Ober-Schwuchtel. Jeder in der Schule hasst diesen unreifen kleinen Schwächling. Also entschieden wir uns sein Haus zu treffen."
Sie wollen "Rache an der Gesellschaft" nehmen, sehen sich als Rebellen und Ausgestoßene, wollen gleichzeitig aber nach den Maßstäben der Mehrheit beurteilt werden: "einen bleibenden Eindruck hinterlassen". Zuweilen kann man nicht anders als angesichts scheinbar widersinnigster Tagebucheinträge den Kopf zu schütteln: "Erlkönig auswendig lernen", "Rohrbombe ausprobieren", "Donuts backen fürs Oktoberfest".
Die Schizophrenie seines Lebens ist Eric Harris durchaus bewusst: "Bei mir ist es o.k., wenn ich ein Heuchler bin, aber nicht bei jemand anderem. Denn ich stehe über euch, egal, was ihr sagt." Das Ich sanktioniert alles: mal hält sich Harris für Zeus, mal für Gott, dann heißt es: "Ich bin das Gesetz".
Nicht zuletzt in der Schuldfrage beharrt der 18-Jährige auf diesem Primat: "Es ist MEINE Schuld! Nicht die meiner Eltern, nicht die meiner Brüder, meiner Freunde, meiner Lieblingsbands, der Computerspiele, nicht die der Medien. ES ist MEINE!", schreibt er kurz vor dem bevorstehenden Attentat.
Die verflixte Pubertät
Tatsächlich kann man vielen eine Mitschuld unterstellen, den Eltern, die nichts merkten, den Lehrern, die bei einer als Schulaufsatz getarnten Amok-Vision die Details und den Stimmungsaufbau loben ("Note C+"), der Waffenlobby, Microsoft oder den Jungs von Rammstein. Den Ärzten, die einem der Täter ein Antidepressivum verschrieben, das auch aggressionssteigernd wirken kann. Der verflixten Pubertät. Am Ende aber muss man Harris und Klebold dies eine zugestehen: Das sie die Mörder sind, dass sie, wenn überhaupt irgendetwas, dann schuldig sind.
So folgen sie einem Programm der totalen Gefühlsabtötung: "Ich muss meine Gefühle ausschalten"; "Ich wünschte ich wäre ein scheiß Soziopath, dann würde mir nichts leid tun." Was sie tun, entspringt bewusster Entscheidung. Einer schwierigen Entscheidung, die sie mit allen Konsequenzen tragen wollen: "Es ist verdammt schwierig, bei den Hausaufgaben zu bleiben, während ich an meinen Waffen, Bomben und Lügen arbeite."
Irgendwann haben sie jeden anderen Ausweg abgelehnt, irgendwann sind sie auf eine Bahn eingeschwenkt, auf der sie nur noch den Tod im Blick haben. Interessanterweise gilt einer von Harris' frühesten Wutanfällen einem Erstklässler, der vor dem Computer sitzt, sein Passwort eingibt, aber noch nicht weiß, dass er danach ENTER drücken muss. Diese "Dummheit" treibt Harris schier in den Wahnsinn. Ein Tastendruck und alles wäre vorbei. Der Befehl seiner Sehnsucht aber, den Eric Harris viele Monate später drücken wird, heißt: DELETE.
Joachim Gaertner hat seinem Dokumentarroman, dieser so angemessenen wie sensiblen Montage, ein knappes und kluges Nachwort beigegeben. Darin teilt er das Staunen darüber, dass die keineswegs ungewöhnlichen Phantasien der Attentäter ihren Weg in die Wirklichkeit gefunden haben.
Auch Klebold und Harris scheint ihre selbsterschaffene Wirklichkeit in Erstaunen versetzt zu haben: Nachdem sie ihr letztes Opfer getötet hatten, streiften sie noch vierzig Minuten lang ziellos durch die Gänge der Schule, bevor sie sich selbst erschossen. Als würden sie den Weg zurück suchen in die Fiktion - ohne ihn allerdings finden zu können.
JOACHIM GAERTNER: Ich bin voller Hass - und das liebe ich. Dokumentarischer Roman aus den Original-Dokumenten zum Attentat an der Columbine Highschool. Eichborn Verlag, Berlin 2009. 192 Seiten, 16,95 Euro.
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(SZ vom 27.4.2009/rus)
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