Von T. Lehmkuhl

"Schwierig, bei den Hausaufgaben zu bleiben, während ich an Waffen, Bomben und Lügen arbeite": Der Doku-Roman "Ich bin voller Hass - und das liebe ich" erinnert an das Massaker an der Columbine High School.

Ab und zu verspürt man den Impuls, diesen Massenmörder in den Arm zu nehmen, ihm den Hinterkopf zu streicheln und ihm tröstende Worte ins Ohr zu flüstern. Geändert hätte das gleichwohl nichts.

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Foto aus dem Highschool-Jahrbuch: Eric Harris. Zusammen mit Dylan Klebold ermordete er 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer. (© Foto: afp)

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Wahrscheinlich hätte Eric Harris sich umarmen lassen, seine Wange an die dargebotene Schulter gelehnt, ein paar Tränen geweint und danach beteuert, wie viel besser es ihm jetzt ginge, dass seine bösen Mordgedanken, man solle sich keine Sorgen machen, ganz sicher schon verflogen seien. Dann aber wäre er doch in die Columbine High School gegangen und hätte zusammen mit seinem Freund Dylan Klebold 13 Menschen erschossen.

Die bösen Mordgedanken

Sich zu verstellen hatten Harris und Klebold gelernt. Ihren Hass wie ihre Liebe behielten sie für sich, vertrauten sie allein Notizbüchern und Computerdateien an, speicherten sie auf Video oder hinterlegten sie im Internet.

Joachim Gaertner, bislang vor allem als Fernsehjournalist tätig, hat aus diesen persönlichen Dokumenten sowie aus den umfangreichen Ermittlungsakten zu jenem Massenmord von Littleton, Colorado, der Mutter aller Schulmassaker, wie man sagen könnte, nun einen Dokumentarroman in 15 Kapiteln destilliert.

Und auch wenn das letzte Kapitel von "Ich bin voller Hass - und das liebe ich" die Tat selbst zum Gegenstand hat, so bildet sie doch nicht den Fluchtpunkt des Buches. Ja, man ist nach 14 Kapiteln beinahe überrascht, dass die Hirngespinste überhaupt Wirklichkeit werden und die Tat tatsächlich stattfindet.

Gewalt ist nicht das Ziel

Auch wenn Harris, der schreibfreudigere der beiden Attentäter, in seinen Aufzeichnungen immer wieder in Allmachtsphantasien schwelgt, wenn er auf Schwarze, Latinos und Behinderte schimpft, Nazi-Sprüche klopft und am liebsten die gesamte Menschheit ausgerottet sähe, nie hat man den Eindruck, es mit einem Monster zu tun zu haben. Ganz im Gegenteil, es fliegt einen Mitleid an mit diesem aufgedrehten, wütend-frustrierten Jugendlichen, einem sehr lebendigen und nachdenklichen Menschen, jemandem, der sich allem Anschein nach lange Zeit Mühe gibt, irgendwie noch die Kontrolle zu behalten.

So ist man fast geneigt, den Amoklauf aus diesem Kontrollwunsch heraus zu erklären. Denn bei aller Freude an brutaler Gewalt, am Computerspiel Doom, an Rammsteins brachialer Musik oder Oliver Stones Filmorgie "Natural Born Killers", Gewalt ist nicht das Ziel von Harris und Klebold; am Ende ist sie lediglich Mittel zum Zweck. Und der Zweck heißt: Ordnung, Reinheit, Tod. Schluss mit all dem Durcheinander, Schluss mit den Gefühlen, die auf einen einstürmen, der inneren Zerrissenheit, Schluss mit den Menschen, von denen jeder "seine eigene verdammte Meinung über jedes einzelne verdammte Ding" hat.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Täter selber staunten.

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