Dokfest Welche Münchner Filme sich beim Dok-Fest lohnen - und welche nicht

Das Atomic Cafe in München - eine Institution in München, die mittlerweile geschlossen ist.

(Foto: Robert Haas)

Beim 32. Dokumentarfilmfest porträtieren einige Regisseure die Stadt und ihre Bewohner. Manches davon ist gelungen, anderes weniger.

Von Josef Grübl

Die Zeiten, in denen Kino nur im Kino stattfand, sind vorbei. Zumindest beim 32. Internationalen Dokumentarfilmfestival München, das am morgigen Mittwochabend im Deutschen Theater eröffnet wird.

Das Dok-Fest zieht in die Stadt hinaus, einige Filme werden im NS-Dokumentationszentrum, im Museum Fünf Kontinente oder in der Bayerischen Staatsoper gezeigt. In letzterer findet die Premiere von "Ganz große Oper" statt, es geht darin um das Opernhaus selbst.

Einen Film an dem Ort aufzuführen, wo er gedreht wurde, klappt aber nur selten: Bei den Münchner Dokus "This Is Atomic Love" und "Cool Mama" wäre das schon deshalb nicht möglich, weil ihre Schauplätze - das Atomic Café und das Schwabinger Africa & House" - mittlerweile Geschichte sind.

Auch das ist München: Die Stadt wechselt ständig ihr Gesicht, die Filme über sie zeigen Momentaufnahmen. Manche davon sind gelungen, andere weniger.

Fahr ma obi am Wasser

Die Quellen des Lebens führen nach Tirol. Genauer gesagt ins Hinterautal, im österreichischen Teil des Karwendel. Dort entspringt die Lebensader Münchens, so formuliert es zumindest Filmemacher Walter Steffen in seinem Isar-Flussporträt, das von vergangenen Zeiten erzählt, von forschen Flößern und feschen Frauen im Dirndl. Steffen musste ohne Fernseh- oder Fördergelder auskommen, er setzte auf die Unterstützung von Fremdenverkehrsverbänden und Sponsoren, die er ein bisschen zu oft zu Worte kommen lässt.

Das ist schade, so wird der Film zu einer Dauerwerbesendung für einen Fluss, der so viele warme Worte gar nicht nötig hat. Nach etwa einer Stunde Laufzeit kommt er in München an, in prächtigen Luftaufnahmen geht es über Thalkirchen hinweg, am Deutschen Museum vorbei, hinein ins Glockenbachviertel. Hier endet die Reise, im Abspann singt Willy Michl vom "Isarflimmern". München verändert sich, der Faszination des Flusses kann man sich aber nicht so schnell entziehen.

Zwischenstation

Wo der eine Film endet, fängt der andere an: Auch den jungen Münchner Filmemacher Alexander Bambach zieht es an die Isar, ihn interessieren aber die Menschen am Ufer. In den Sommernächten kommen sie zu tausenden, die Weltstadtfasler und Wohlstandskinder, sie wollen hier grillen, flirten, feiern. Feierstunden gibt es in "Zwischenstation" keine, gefilmt wurde im Winter unter der Wittelsbacher Brücke.

Hier haben Obdachlose ihr Quartier aufgeschlagen, der Film begleitet zwei von ihnen: Zoltan baut Skulpturen aus Schnee, Bernd kritzelt Philosophisches auf Pappschilder. Das sieht idyllisch aus, trotz der Kälte und der unwirtlichen Umstände. Dann steigen die Temperaturen und der Wasserstand, es kommen immer mehr Menschen vorbei, es gibt Streit, Hunde kämpfen, eine Frau rastet aus. Irgendwann packt Bernd seine Sachen in viele Kisten und zieht fort. Zum Abschied dieses feinen Außenseiterporträts sagt er: "Nichts soll hier mehr an mich erinnern."

Blumentopf 1992-2016

Um Erinnerungsarbeit geht es auch der Münchner Hip-Hop-Band Blumentopf, die sich im Oktober 2016 mit einem finalen Konzert im Zenith von ihren Fans verabschiedet hat. Der BR-Redakteur Philipp Laier begleitet sie, es ist ein wehmütiger Abgesang, den die fünf Bandmitglieder aber umso euphorischer anstimmen. Auch in den Tagen und Wochen vor dem Konzert stehen sie vor der Kamera und erzählen von ihren Anfängen in Eching, Lohhof und Unterschleißheim.

Dort wuchsen sie auf, sie bezeichnen sich selbst als "Reihenhaus-Kids" oder "die Anti-Coolness". Ein Film von Fans für Fans, er dokumentiert den Abschied von einer sehr langen Jugend und einer Musikszene, die sich in den vergangenen 24 Jahren gewandelt hat: vom Spaß-Hip-Hop der Neunziger hin zu den Berliner Ghetto-Rappern des 21. Jahrhunderts. "Niemals wird es wieder so werden wie es war", lautet der Untertitel - das gilt nicht nur für Blumentopf, sondern auch für die Hip-Hop-Szene dieser Stadt.

Konstantin Grcic - Design is Work

Anfang der Neunzigerjahre begann auch die Karriere des Münchner Industriedesigners Konstantin Grcic, den der Regisseur Gereon Wetzel in dieser knapp einstündigen Dokumentation porträtiert. Er hat den weltbekannten Designer mehrere Monate lang begleitet: In seinem Atelier im Bahnhofsviertel tüfteln Grcic und seine Mitarbeiter an einer Möbelserie aus Eisenguss, was sich als komplizierter herausstellt als gedacht.

Design ist eben harte Arbeit, der Filmtitel ist keine Koketterie. "Im Prozess will ich immer alles wissen", erst das schaffe Freiräume, sagt der Porträtierte. Die Kamera begleitet ihn zu Treffen mit Auftraggebern, nach Mailand, auch bei der Planung einer Grcic-Ausstellung in der Pinakothek der Moderne ist sie dabei. Es gab in den vergangenen Jahren schon mehrere Grcic-Porträts, dieses hier ist schön, schlicht und fokussiert. Etwas Neues über den Designer erzählt es aber nicht wirklich.

665 Freunde

"Mein Problem ist, dass ich kein Problem habe", sagt der Jonas Gernstl, Student der Hochschule für Fernsehen und Film, über seine 665 Facebook-Freunde. Als Zuschauer hat man da zunächst einmal den Eindruck, dass das auch das Problem des Films ist - spannend oder innovativ ist dieser Ansatz ja nicht gerade. Zum Glück sucht der Regisseur, der auch sein eigener Hauptdarsteller ist, nicht alle Freunde auf, ein knappes Dutzend reicht.

Es ist vor allem die Generation der Millennials, die er trifft, fast alle kommen aus München, manche sind gnadenlos selbstverliebt, andere erstaunlich ehrlich. Auf diese Art kommt Gernstl nicht nur seiner Frage nach dem wahren Glück im Leben näher, sondern auch der Arbeitsweise seines berühmten Vaters: Franz Xaver Gernstl ist seit Jahrzehnten als Glückssucher im Bayerischen Fernsehen unterwegs, in diesem Film spricht er auch unangenehme Themen an. "Vielleicht leidest du daran, dass du so undiszipliniert bist", sagt er einmal. Das wiederum scheint den Sohn angespornt zu haben: Sein Film könnte sich zum Wohlfühl-Highlight des Dok-Fests mausern.