Dokfest 2012 Auf den Spuren der unsagbaren Vergangenheit

Bayern ist derzeit ein gutes Pflaster für israelische Filmemacher: Gleich zwei von ihnen setzten sich beim diesjährigen Dokfest in München mit der Frage auseinander, wie der Holocaust ihre Väter und Großväter prägte. Die erste dieser Dokus, die bereits mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, eröffnete das Filmfestival, die zweite gewann den Hauptpreis.

Von Paul Katzenberger

Die Themen und Bilder glichen sich: Beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in München standen israelische Filmemacher mit Erzählungen über ihre Väter und Großväter und deren Holocaust-Erfahrungen zu Beginn und am Ende im Fokus der einwöchigen Filmschau.

Bereits im Eröffnungsfilm "Die Wohnung" präsentierte Regisseur Arnon Goldfinger in München die unglaubliche Geschichte seiner jüdischen Großeltern, auf die er beim Entrümpeln der Tel Aviver Wohnung seiner verstorbenen Großmutter gestoßen war.

Aus den dort gefundenen Dokumenten und Aufzeichnungen leitete er her, dass seine Großeltern mit der Familie eines SS-Offiziers befreundet gewesen sein müssen, und zwar nicht nur vor, sondern auch nach dem 2. Weltkrieg. Wie das sein konnte, obwohl die Urgroßmutter im Holocaust zu Tode kam, darauf versucht "Die Wohnung" eine Antwort zu geben. Bei seiner Spurensuche stößt Goldfinger dabei auf Unerwartetes, auf Offenheit - aber auch immer wieder auf Verdrängung.

Die sehr persönliche Doku, die am 14.Juni in die deutschen Kinos kommt und neben anderen Auszeichnungen bereits den Bayerischen Filmpreis erhielt, wartet zwar mit überraschenden Einsichten auf, doch ist von ihrer Dramaturgie her zu lang geraten. Die Grundfrage, wie die Freundschaft zwischen Opfern und Tätern möglich war, wird im Film früh gestellt und am Ende nur vage beantwortet.

Auf eine befreiendere, aber durchaus ähnliche, Vergangenheitsreise begab sich Goldfingers Landsmann David Fisher, der mit zwei Brüdern und einer Schwester Österreich besuchte, um dem Schicksal des Vater nachzuspüren, der die Konzentrationslager in Mauthausen und Gusen überlebt hatte. Wie auch Goldfingers Großeltern hatte Fishers Vater seinen Nachkommen wenig über die schlimmen Jahre seiner Biographie erzählt.

Die geschwisterliche Erkundungstour dokumentierte Fisher in der israelisch-österreichisch-deutschen Produktion "Six Million And One", der die Jury am Ende den Hauptpreis des Festivals zusprach, den mit 10.000 Euro dotierten "Dokumentar-Filmpreis 2012".

"Beharrlicher Gestaltungswillen"

Der Film, der an diesem Freitag in die Kinos kommt, sei meisterhaft erzählt und lasse die Zuschauer lachen und weinen, begründete die Jury ihre Entscheidung. Die teilweise recht rüden Scherze, die die erwachsenen Geschwister untereinander austauschen, kamen beim Münchner Publikum aber offenbar weniger an als anderswo. Fishers Schwester Estee Fisher-Heim zeigte sich bei der abschließenden Vorstellung des Siegerfilms beim Dokfest überrascht, dass deutsche und österreichische Zuschauer immer viel weniger lachen würden als israelische Zuseher.

Als besten deutschsprachigen Film zeichnete die Jury "Das schlechte Feld" des Deutsch-Österreichers Bernhard Sallmann aus, der mit seiner Doku ebenfalls die Nazi-Zeit tangierte. Der Film widmet sich Sallmanns Heimatort Ansfelden bei Linz, wo es ein Arbeitslager für KZ-Häftlinge gab. Die Jury lobte den mittlerweile in Berlin lebenden Sallmann für seinen beharrlichen Gestaltungswillen, der sich aktuellen Trends widersetze.

Der "Horizonte Preis 2012" für Filme aus Entwicklungs- und Schwellenländern ging an den chinesischen "Bachelor Mountain" von Yu Guangyi. Die Dokumentation, die das Leben des Waldarbeiters San Liangzi im Nordosten Chinas beschreibt, entführe den Zuschauer in die karge und entbehrungsreiche Welt einer abgelegenen Weltregion, hieß es in der Begründung der Jury. Die Beschreibung des Junggesellen, der heimlich in die junge Wirtin eines Landgasthofes verliebt ist, sei nicht nur berührend, sondern beschreibe nebenbei auch die dramatischen Verränderungen des Landes.

Den FFF-Förderpreis für bayerische Nachwuchsregisseure erhielt August Pflugfelder für seinen Beitrag "Schnee", den das Dokfest in der Sektion "Münchner Premieren" zeigte. Für die überzeugende Dokumentation begab sich der junge Regisseur auf eine leise Reise in die Gebirgswelten der Wintersportindustrie. Um das Gravitationszentrum eines Söldner Hotels herum stellt Pflugfelder die eindrucksvolle Natur neben den immer gewaltigeren Apparat von Bergbahnen, Schneekanonen, Rettungsdiensten bis hin zur dröhnenden Animation.

Die Macher von "Schnee" beschränken sich dabei auf die Rolle des Beobachters und verzichten nahezu vollständig auf Interviews - der Zuschauer soll selbst werten. Herausgekommen sei ein erschreckender bis belustigter Blick hinter die Kulissen des Tourismusgewerbes, das die Landschaft zunehmend nach seinen Bedürfnissen umgestalte, lobte die Jury zu Recht.

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