Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev "Marketing langweilt mich"

SZ: Wozu brauchen Hunde Kunst und einen eigenen Skulpturenpark?

Christov-Bakargiev: Das ist keine Kunst, wie wir sie definieren. Das ist ein Ort des sinnlichen und intellektuellen Genusses, ein Ort zum Denken. Auch Hunde denken! Wir zeigen auch einen Garten für Schmetterlinge. Der soll den Schmetterlingen gefallen, nicht den Menschen.

SZ: Aber wir kennen doch die Gedanken der Schmetterlinge nur bedingt. Wenn Sie das in den Bereich der Kunst bringen, besteht da nicht Kitschgefahr?

Christov-Bakargiev: Was meinen Sie mit Kitsch?

SZ: Sie haben einen Kalender mit Fotos der Hunde von Documenta-Künstlern herausgebracht, ist das kein Kitsch?

Christov-Bakargiev: Das war ein Spiel. Ich musste ein Marketingobjekt herausbringen, aber Marketing langweilt mich, also habe ich den Kalender vorgeschlagen, das ist aber kein Kitsch.

SZ: Wie unterscheiden sich Kitsch und Kunst?

Christov-Bakargiev: Kitsch kennt keine Ironie. Kitsch ist etwas mit schlechtem Geschmack, was jemand macht, ohne es zu wissen. Der Kalender ist kein Kitsch. Ich zeige ja nicht Bilder, die Schimpansen gemalt haben, das wäre paternalistisch. Das wäre, als wenn ein Mann für eine Frau wählen ginge.

SZ: Und eine Skulptur für Hunde zu machen, ist nicht paternalistisch?

Christov-Bakargiev: Das ist Zusammenarbeit mit Hunden, aber auch mit Gras, mit Material. Beim Skulpturenpark für Hunde geht es nicht um Ironie, sondern um Rückzug vom Spektakel. Um das Kommunizieren nicht mit Menschen, sondern mit anderen Tieren.

SZ: Kann alles auf der Welt Kunst sein?

Christov-Bakargiev: Alles kann Material für Kunst sein. Die Definition von Kunst, so wie ein Künstler über Kunst denkt, ist nicht in den Grenzen der Disziplinen zu denken. Ich denke nicht, dass die Werke der Menschen besser sind als andere Werke. Auch Ihr Körper steckt voller Bakterien, ist besetzt von anderen Lebewesen, Sie sind von anderen Realitäten durchdrungen. Ich teile nicht die Weltsicht der Moderne seit der Aufklärung, immer Kategorien bilden zu müssen. Den Impuls, Unterschiede zu definieren, teile ich nicht.

SZ: Ich bin ich und damit anders als meine Umwelt, ist dieser Impuls nicht Grundlage der Subjektivität und damit auch des kreativen Schaffens?

Christov-Bakargiev: Nein! Ich bin Feministin, ich glaube, das Subjekt ist ein kontinuierliches Sich-Durchdringen mit anderen, die sogenannten Subjekte sind auch Objekte. Nicht der Fußballer ist das Subjekt, der Ball entscheidet die Richtung, in die er fliegt. Sie sprechen vom Standpunkt der westlichen Philosophie aus, die interessiert mich aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich weiß nicht, ob ich ein Subjekt bin.