Documenta in Kassel Wie die Documenta das Publikum bevormundet

In Piotr Uklańskis saalhoher Porträtgalerie "Real Nazis" von 2017 taucht auch der Documenta-Künstler Joseph Beuys (untere Reihe, 7. v. r.) auf.

(Foto: Nils Klinger)

In Kassel pflegen Künstler wie Kuratoren einen politischen Anklagemodus, der vereinfacht statt aufzuklären. Die Schau ist viel zu parteiisch.

Von Kia Vahland

Der Ich-Erzähler aus Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" sinniert über den Pergamonaltar und seine eigene Situation als Kommunist im Berlin des Jahres 1937: "Immer hatten sich die Oberen die Rechte geholt, und immer hatten sie auf ihrer Hegemonie bestanden, bis andere Mächtige zur Ablösung kamen, und wir hatten es nie weitergebracht, als nachzugeben und uns zu fügen". Daraus entfaltet sich eine klassenkämpferische Sicht auf Werke der klassischen Kunst, auf Gericault, Goya und Bruegel. Hoffnungsträger der jungen Kommunisten ist der mythische Herakles, dem sie zutrauen, doch noch die Verhältnisse umzustürzen.

Die Kunst wird zum Instrument später Gerechtigkeit: Dieser Gedanke ist in diesem Sommer wieder en vogue, denn die Documenta verschreibt sich der politischen Aktion. Doch in Kassel ist wenig zu spüren von dem Selbstzweifel, den bei Peter Weiss der Erzähler formuliert, der hadert mit sich und dem, was das wäre, eine sich in qualvollen Suchbewegungen erst formierende "Ästhetik des Widerstands".

Die Documenta-Macher dagegen sind sich ihrer Sache sicher. "Wir hoffen, dass die Documenta 14 einer von vielen Schritten sein wird auf dem Weg in eine Welt, in die wir leben wollen", schreibt der Kurator Adam Szymczyk über die in Athen und Kassel stattfindende Schau. Diese Kunsterfahrung solle "der Versuch einer ganz neuen Existenzweise" werden. Man würde sich gerne mitreißen lassen von den warmen Visionen der Weltverbesserung. Würde die Documenta denn in das große Hinterfragen, in den hochfahrenden Gestus der Gesellschaftskritik sich selbst einbeziehen.

Das aber tut sie nicht, und wenn doch, dann ist immer die Institution Documenta gemeint, also die Gesamtheit der 13 Vorgängerausstellungen, von deren (angeblich) systemstabilisierender Wirkung sich die jetzige Ausgabe abgrenzen will. Das traditionelle Ausstellen von Kunst gilt ihr als problematische Kulturtechnik, "die Bürger_innen so erziehen soll, dass sie sich freiwillig selbst beherrschen" (Tony Bennett im Katalog). Die aktuelle Schau will das anders machen, sie will das Publikum in sogenannten Chorus-Führungen ermächtigen. Dort erklärt der oder die Führende praktisch nichts, sondern fragt die Besucher nach ihren Empfindungen bei diesem oder jenem Werk. Viele peinliche Schweigepausen sind dabei zu beobachten, schließlich ist es ohne Hintergrundinformationen schwierig, sich ad hoc eine fundierte Meinung zu bilden.

Für Gegenargumente interessiert sich die Ausstellung wenig - nicht einmal, um sie zu widerlegen

Man kann auch durch Nichtinformation manipulieren. Wer alle Autoritäten abschafft, inszeniert sich selbst als letzte Instanz. So funktionierte die antiautoritäre Erziehung der Siebzigerjahre. Vom Hausmeister über die Lehrerin bis zum Pfarrer und der Polizistin standen Funktionsträger im Verdacht, Kinder zu dressieren. Übrig blieben als einzige Orientierungsgrößen nur die antiautoritären Erzieher, deren Weltbild nun konkurrenzlos dastand.

Die Documenta in Kassel, dort noch bis zum 17. September zu sehen, erreicht diesen Effekt mit gezielter Einseitigkeit in der Präsentation. Frühere Ausgaben verstanden unter politischer Kunst die Dokumentation des Weltzustandes, man erfuhr viel über Hafenarbeiter in Südafrika oder die Wohnungsnot von Hurrikanopfern. Sie zeigten, was in der Aufmerksamkeitsökonomie der Massenmedien öfter mal zu kurz kommt, subjektive Berichte vom Leben der anderen. Anteilnahme aber genügt den Kuratoren diesmal nicht, jetzt geht es um Parteinahme. Die samische Künstlerin Máret Ánne Sara protestiert in der alten Hauptpost von Kassel mit einem Vorhang ausgekochter Rentierschädel gegen die Weisung der norwegischen Regierung, ganze Herden zu schlachten. Womöglich ist den Samen großes Unrecht geschehen, als sie die für sie so wichtigen Rentiere verloren - nur würde man, um sich selbst ein Urteil zu bilden, gerne auch die Begründung der norwegischen Regierung kennen.

Wo Politik wenig zu bieten hat

Die 14. Documenta ist ein Aufruf wider die Apathie der Politik. Ein Appell gegen den Fatalismus - und damit gegen eine Haltung, die sich mit elenden Gegebenheiten abfindet. Kommentar von Heribert Prantl mehr ...

Die Documenta interessiert sich herzlich wenig für Gegenargumente, nicht einmal zu dem Zweck, sie zu widerlegen. Maria Eichhorn bespielt den zentralen Saal im Obergeschoss der Neuen Galerie mit einer Installation zur NS-Raubkunst. Auf Wandtafeln ist ein Interview von ihr mit David Toren abgedruckt, dem rechtmäßigen Erben eines Liebermann-Gemäldes aus dem Gurlitt-Konvolut. Toren beschuldigt in dem Gespräch ein Auktionshaus, mit Raubgut zu handeln und verdächtigt eine Kunsthistorikerfamilie, heute noch NS-Raubkunst zu besitzen. Beide werden namentlich genannt. Doch Eichhorn konfrontiert sie nicht mit den Vorwürfen. Auch wenn Toren recht haben sollte - ein Prozess, in dem Angeklagte nicht gehört werden, ist eine suspekte, autoritäre Veranstaltung.