DJ Ricardo Villalobos Der Mann, den sie Gott nannten

Endlich mal ein klares Statement gegen den totalen Orgasmus-Wahn: Der DJ Ricardo Villalobos bereichert die Welt um Autoren-Techno und feinstes Bewusstsein.

Von THERESA BREHM

Die "Ankerklause" am Landwehrkanal entfaltet im frühen Vormittagslicht den ganz speziellen Schäbigkeitscharme einer abgetakelten Kneipe im Osten Kreuzbergs.

Durch die ungeputzten Scheiben scheint milchig die Sonne, der Geruch kalten Rauchs hängt in der Luft. Hinten in der letzten Sitzreihe am Fenster kauert ein Typ mit Wollpulli.

Die braunen Haare hat er hinters Ohr geklemmt. Er schiebt sich eine Portion Bohnenbrei vom englischen Frühstück in den Mund und verabschiedet seine Freundin. Bis später, Schatz.

Das ist also der Mann, der die Dancefloors dieser Welt zum Beben bringt, der alle Kategorien der Clubmusik sprengt, den sie den neuen DJ-Gott nennen. Seit dem letzten Jahr, als sein Debütalbum "Alcachofa" erschien, ist Ricardo Villalobos in der ersten Liga der Superstar-DJs mit eigenem Musikoeuvre angekommen.

Seine neue, gerade erschienene Platte "Thé au Harem d'Archimède" ist sogar noch elektrisierender als das Debüt. Trotzdem ist Villalobos immer noch ein Untergrundmythos. Das hat mit der misslichen Lage von Techno zu tun: die Massen-Raves sind Geschichte, und die musikalische Vorreiterstellung ging vor langem an R&B und HipHop verloren.

Umso mehr braucht die Kunstform Techno - die von Anfang an nicht ohne die Treibkraft herausragender Persönlichkeiten auskam, während sie im selben Moment Gleichheitsfantasien beschwor und vom Glücksversprechen des anonymisierten Kollektivrauschs zehrte - gerade jetzt eine Figur wie Villalobos.

Der sitzt inzwischen am Küchentisch in seiner sehr hellen Kreuzberger Wohnung, trinkt Apfelsaftschorle und verdreht beim Thema Starkult gleich die Augen. Sein neues Album sei ein "Schrei nach Normalität" und bewusst ohne potentielle Clubhits angelegt, sagt Villalobos. Seine DJ-Karriere jedoch hat so angefangen wie die meisten anderen, mit illegalen Partys, Warten auf das erste eigene Set und der Hoffnung, dass die richtigen Leute das hören mögen. Mit etwas Glück und viel Talent wird man dann irgendwann von 5000 Leuten beim Auflegen gefeiert, darf den alten Techno-Gott Sven Väth "den Sven" nennen und zu Reportern Sachen sagen wie: "Ich stehe für die Garantie der guten Party."

Das mag eine Weile ganz nett sein, geht Villalobos aber längst auf den Geist: "Ich kämpfe mittlerweile gegen meinen eigenen Hype an - denn der zwingt mich dazu, mich jede Nacht komplett zu verausgaben.

Die Leute würden es nicht akzeptieren, wenn ich nur eine Stunde spielte." Also spielt er nicht selten 20 Stunden.

Am Stück.

"Manchmal komm ich mir vor wie ein Clown, der mit einer Hand drei Bälle jonglieren soll und mit der Nase die Plattenspieler bedienen."

Dabei sieht sich Ricardo Villalobos vor allem als Musiker. Ihm geht es darum, zu jenem magischen Punkt vorzudringen, an dem "die Klänge nur noch isolierte Gefühle sind, die wieder ganz bestimmte isolierte Gefühle auslösen." Von klein auf hat er Percussion gespielt, und noch heute reizt ihn an Techno das "Organische, Losgelöste, das nicht Vorhersehbare". Eine wichtige Inspirationsquelle ist dabei die südamerikanische Musik seiner Eltern. Sie flüchteten, als er drei Jahre alt war, vor der Diktatur in Chile nach Deutschland. Ihr Weg endete irgendwo auf dem Land bei Darmstadt. In seiner Musik deutet Ricardo Villalobos die kulturellen Unterschiede heute produktiv. Die Tracks sind einerseits stark reduziert und andererseits extrem verspielt, und genauso ambivalent ist auch die musikalische Textur von "Thé au Harem d'Archimède" gestaltet. Die Platte funktioniert im Unterschied zu anderen DJ-Alben nicht nur im Club, sondern vor allem zu Hause beim Hören auf der Couch, und mit diesem Aufbegehren gegen eine falschverstandene reine Funktionalität der Tanzmusik ist man bei einem Lieblingsthema von Villalobos angelangt: "Obvious music", dabei verzieht er das sonst so freundliche Gesicht. "Offensichtliche Musik ist das, was wir die letzten Jahre hatten. Die DJs legten ein Orgasmus-Lied nach dem anderen auf, immer nach demselben Schema - und nach drei Stunden standen die Leute dann völlig abgestumpft auf der Tanzfläche."

Nun aber sei die Wende gekommen, man orientiere sich wieder an minimalerer Musik, der Sound von Chicago und Detroit sei zurück, die alte, neue Avantgarde. Vielleicht ist das ja das Geheimnis von Ricardo Villalobos: Er ehrt die Techno-Orthodoxie des reinen Beats und ist doch zugleich ein viel zu geschickter Gefühlsdramaturg, um sich allein auf die Suggestionskraft der Rhythmusmonotonie zu verlassen.

Außerdem ist Villalobos ein politischer Mensch, was in DJ-Superstar-Kreisen eher selten vorkommt.

"Thé au Harem d'Archimède" ist nach dem gleichnamigen Film des Regisseurs Mehdi Charef aus dem Jahre 1984 betitelt, in dem es um die Freundschaft zwischen einem französischen und einem algerischstämmigen Jungen in den Pariser Banlieus geht. Villalobos geht es um Protest, durchaus im altmodischen Sinn, gegen die zunehmend stereotype Betrachtung der arabischen Kultur im terrorhysterisierten Westen.

Damit erinnert er an die Tradition des "One Nation under a Groove" aus der grauen Techno-Vorzeit. m. Erstmals seit langem tauchen also wieder Spuren eines politischen Bewusstseins in der Clubkultur auf. Und, auch das gab es lange nicht mehr, das Bekenntnis zum musikalischen Experiment.

Ein solches ist das Gemeinschaftsprojekt Narod Niki, an dem Villalobos maßgeblich beteiligt ist. Zwei Mal schon trafen sich acht erfolgreiche Technoproduzenten, darunter Techno-Chefdenker Richie Hawtin, um live miteinander auf Laptops zu jammen.

Nach den Auftritt beim Mutek Festival im kanadischen Montreal und zuletzt an der Volksbühne in Berlin war allerdings noch nicht klar, was Narod Niki genau sein könnte: eine neue Techno-Revolution durch Computer-Vernetzung - oder die bloße Übertragung des ganz alten Rock-Klischees "Jam" auf modernste Technik.

Villalobos sagt, es gehe bei Narod Niki darum, das Ego zurückzunehmen und den Sound in den Vordergrund zu stellen. Durch das Zusammenspiel soll die Maschinenmusik wieder menschlicher werden - das sei die Zukunft des Techno. Klingt, in der Theorie, etwas abgestanden. In der Praxis jedoch aufregend.

Und seine eigene Zukunft? Nun, Villalobos will mit seiner Freundin irgendwann aufs Land ziehen und Kinder kriegen. So ein Hippie. "Thé au Harem d'Archimède" von Ricardo Villalobos ist beim Label Neuton erschienen.