Diskriminierung bei den Oscars "Du musst Krach schlagen, um Platz am Tisch zu bekommen"

Das Problem? "Alte, weiße Männer", findet Meryl Streep.

(Foto: AP)

Meryl Streep macht den Diskriminierten bei den Oscars Mut. Sie selbst habe früher befürchtet, ab 40 nur noch "Schreckschrauben und Hexen" spielen zu dürfen.

Porträt von Fritz Göttler

Jetzt hat sie auch die Berlinale erreicht, die amerikanische Diversity-Debatte, die Reihe der heftigen Diskussionen über mangelnde Vielfalt in den aktuellen Hollywoodfilmen. Sie setzte ein unmittelbar nach Bekanntgabe der diesjährigen Oscar-Kandidaten, mit grimmigen Reaktionen darauf, dass wieder mal keine einzige schwarze Schauspielerin und kein einziger schwarzer Schauspieler als preiswürdig vorgeschlagen war.

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Seitdem ist das Klima im vorfestlichen Hollywood gereizt, diverse schwarze Hollywoodianer - darunter Spike Lee, Jada Pinkett Smith, Will Smith - haben bereits angekündigt, der Oscarverleihung am 28. Februar fernbleiben zu wollen. Und durch die Gänge spukt das Feindbild von den "alten weißen Männern", die alle Konferenzräume in den Studios besetzt halten, ebenso die Academy, deren Mitglieder die Oscars wählen.

Die Grand Dame meldet sich zu Wort

Nun äußerte sich auch Meryl Streep, derzeit Jury-Vorsitzende der Berlinale und bei deren Eröffnung vorige Woche bejubelt, zur Diskriminierung in Hollywood, in einer Meisterklasse für 300 junge Schauspieler, am Sonntag im HAU, dem Theater Hebbel am Ufer.

Ob Rassismus und Sexismus in den Jahrzehnten ihrer Arbeit denn merklich abgenommen hätten, wurde sie gefragt. "Ich denke, das entwickelt sich in eine positive Richtung, ganz sicher", sagte Meryl Streep. "Du musst Krach schlagen, um Platz am Tisch zu bekommen. Leute müssen zur Seite rücken und dich deinen Stuhl hinstellen und dich zu Wort kommen lassen."

Das mag auf den unteren, den kreativen Ebenen ganz gut funktionieren, nicht wirklich aber auf der Ebene der Entscheidungsträger. "Es ist sehr schwierig, diese Vorstandsetage voller vierzig- bis fünfzigjähriger weißer Männer für Geschichten zu interessieren über ihre erste Frau oder ihre Mutter", schränkte Streep ein. "Aber jüngere schon, und das ist gut."

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Meryl Streep ist derzeit die erfolgreichste amerikanische Filmschauspielerin, seit 40 Jahren im Geschäft. Drei Oscars hat sie bekommen, zuletzt für ihre Rolle als "Eiserne Lady" Margaret Thatcher. Insgesamt 19 Mal wurde sie nominiert. Sie drehte unter der Regie von Woody Allen und Michael Cimino ("The Deer Hunter"), Sydney Pollack ("Jenseits von Afrika") und Mike Nichols, Robert Altman und Robert Redford, Jonathan Demme und Tommy Lee Jones.

Großen Erfolg hatte sie in den vergangenen Jahren mit "Der Teufel trägt Prada" und "Mamma Mia!", dem Abba-Musical. Jüngst lief der Film "Suffragette" an, in dem Streep Emmeline Pankhurst spielt, die Kämpferin für Frauenrechte.

Auch Streep ist engagiert in Frauenfragen. Voriges Jahr gründete sie ein Drehbuch-Labor für Frauen über 40. "Ich bin jetzt 66", sagte sie in Berlin, "früher hatte ich keinen Grund zur Annahme, ich würde nach 40 weiter in Hollywood arbeiten - dann nämlich fängt man an, Schreckschrauben und Hexen zu spielen." Sie selbst hat erst 2014 ein solches Angebot angenommen, für Stephen Sondheims "Into the Woods".

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