Dirigentin Königin der Gelassenheit

Mirga Gražinytė-Tyla präsentiert sich nicht als Herrscherin, sondern als Teil des Orchesters. Mit dieser Haltung stellt sie sich in eine Reihe mit einigen Mitgliedern der jüngeren Dirigenten-Generation.

Von Rita Argauer

Technobeats wummern durch den Raum. Auf der Bühne des Landestheaters Salzburg stehen vereinzelt Menschen, bewegen sich rhythmisch zu der elektronischen Musik. Unterkühlt und hip wirkt das, so wie das in Klubs heutzutage die Regel ist. Bis plötzlich feine Streicherklänge zwischen die Musik und die Atmosphäre fahren. Zart, aber dennoch selbstbewusst genug, um ihren eigenen Platz in diesem popmusikalischen Ambiente zu behaupten. Es ist die Premiere einer Neuinszenierung von "La Bohème" im Februar dieses Jahres. Regisseur Andreas Gergen transferierte das jugendliche Liebes- und Lebensdrama Giacomo Puccinis dabei ins Heute.

Die Schritte ihrer Karriere folgen derzeit ungeheuer schnell aufeinander

Am Pult des Mozarteumorchesters, das Puccinis Musik so wunderbar selbstbewusst und ohne Verlustängste neben den Beats behaupten kann, steht Mirga Gražinytė-Tyla. Die ist eigentlich selbst noch in einem Alter, in dem man die Nächte bisweilen auf solchen Partys durchfeiert, von denen hier auf der Bühne erzählt wird. Doch die 30 Jahre alte Litauerin hat mittlerweile einen Stand in der Klassikwelt, der einem über 50-jährigen Dirigenten angemessen wäre. Sie ist die musikalische Chefin des Landestheaters Salzburg. Zudem ist sie seit der Spielzeit 2016/17 auch noch Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra - als Nachfolgerin von Andris Nelsons auf eine Stelle, die einst auch Simon Rattle besetzte. Und nebenbei ist sie auch noch fester Gast beim Los Angeles Philharmonic.

Vor drei Jahren sah das noch ganz anders aus. Und dennoch war auch damals schon zu spüren, dass diese Frau der Musik auf sehr besondere Art begegnet. 2014 war sie auf Tournee mit der Kremerata Baltica, dem Kammerorchester Gidon Kremers. Zuvor hatte sie bereits Jobs als zweite Kapellmeisterin in Heidelberg und als erste in Bern innegehabt und war gerade für die nächste Spielzeit nach Salzburg verpflichtet worden. Doch der Glamour und Glanz, der sich derzeit um diese im Grunde pragmatische, unkomplizierte und unkapriziöse Frau legt, fehlte damals, im Frühjahr 2014, noch gänzlich.

In einem unscheinbaren Hotel am Rand von Regensburg, nahe dem Uni-Campus erzählte sie offen und herzlich von ihrem Werdegang und ihren Vorstellungen von Musik. In Gidon Kremer hatte sie zu dieser Zeit einen prominenten, aber auch selbstbewusst eigensinnigen Fürsprecher gefunden. Als sie im Audimax der Uni zur Probe vor das Orchester trat, zeigte sich schon damals die ungewöhnliche Atmosphäre, die diese Frau durch Musik erschaffen kann. Klein und zartgliedrig strahlt sie eine Weichheit aus, auf die die Orchestermusiker wie von selbst einsteigen. Mirga Gražinytė-Tyla muss nicht Diktator spielen, um die Musiker auf ihre Seite zu bekommen. Mehr steht sie ihnen fast kumpelhaft gegenüber und gibt dennoch den Ton an - auch weil sie es wie nur wenige andere versteht, musikalische Energie weiterzuvermitteln.

Indem sie für die Musik das Rampenlicht sucht, der Musik die Hauptrolle zugesteht anstatt sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Mit dieser Haltung stellt sie sich in eine Reihe mit einigen Mitgliedern der jüngeren Dirigenten-Generation, die sich selbstverständlich als Teil des Orchesters betrachten, anstatt als außenstehenden Anleiter. "Je mehr Kommunikation, desto besser", erklärte auch Gražinytė-Tyla vor dem Konzert in Regensburg, denn aus dem Orchester können ja Vorschläge für die Interpretation kommen, an die sie noch gar nicht gedacht habe. Das Alleinherrscher-Dirigenten-Klischee hat sie weit hinter sich gelassen. Die Musiker ihrer Orchester nennen sie beim Vornamen, auch heute noch, obwohl ihre Karriere so gehörig an Tempo aufgenommen hat.

Programm und Karten

Das Festival Sommerkonzerte der Audi AG in Ingolstadt mit international gefeierten Ensembles und Solisten findet von 29. Juni bis 29. Juli statt. Zehn Konzerte spiegeln das Motto "Individuum und Gemeinschaft" auf vielfältige Art wider: So können Besucher etwa das Zusammenspiel des Solisten und Perkussionisten Simone Rubino mit der Audi Jugendchorakademie erleben oder "Roméo et Juliette", die diesjährige Eigenproduktion der Sommerkonzerte als halb szenische, halb konzertante Operninszenierung. Eintrittskarten kann man online, an verschiedenen Vorverkaufsstellen und auch telefonisch unter der Nummer 0841-95 91 95 91 erwerben. Detaillierte Informationen zu den Konzerten und zum Kartenvorverkauf finden sich im Internet unter www.sommerkonzerte.de. Stephanie Schmidt

Wenn man jedoch Gražinytė-Tylas musikalische Stationen in Ruhe ansieht, wirkt das alles ganz logisch. Ihre musikalische Laufbahn baut in kleinen Schritten aufeinander auf. 1986 geboren, wuchs sie in einer musikalischen Familie in Litauens Hauptstadt Vilnius auf. Ihre Großmutter war Geigenlehrerin, der Vater Chorleiter und die Mutter Pianistin. Dass sie jedoch an die Stelle des Orchesterleiters gelangte, verdankt sie dem Umstand, dass ihre Musiker-Eltern ihr eigentlich eine an ein Instrument gefesselte Kindheit ersparen wollten. Gražinytė-Tyla lernte deshalb als Kind erst einmal kein Instrument. Doch in der Familie ständig von Musik umgeben zu sein, selbst aber nicht zu musizieren, sei auf Dauer nicht gut gegangen, erklärt sie. Mit elf Jahren verlangte sie also nach Musikunterricht. Sehr alt, ja in professionellen Augen auch zu alt, um ein Instrument neu zu erlernen und das Spiel dann noch zu einem hohen Niveau zu führen. Also begann sie mit dem Chor-Dirigieren, so wie ihr Vater. Zum Studium ging sie zuerst nach Graz. Hier trat sie dann das erste Mal vor ein Orchester und beschloss, dass sie das Orchester-Dirigat noch mehr reize als das reine Vokal-Dirigieren. Es folgten Hochschulstationen in Bologna und Leipzig, Zürich und Hamburg, und anschließend erste Assistenzen und erste Stellen. Der Beginn einer gut laufenden Musikerkarriere.

Doch die Schritte der Karriere folgen bei Gražinytė-Tyla derzeit ungeheuer schnell aufeinander. Um daran nicht zu verbrennen, braucht es eine besonnene Mischung aus Energie und Ruhe. Und eine gewisse Furchtlosigkeit. Dass sie diese hat, für sich und ihre Musik, hat sie auch in der "Bohème" in Salzburg bewiesen. Am Ende des zweiten Bilds ertönen in dieser Inszenierung erneut elektronische Beats. Gražinytė-Tyla lässt die Bläser des Orchesters dazwischen aufblitzen, begegnet der Popmusik weiterhin unbekümmert und ohne Berührungsängste und lässt ihre Kunst und ihre Musik dazu erstrahlen.

City of Birmingham Symphony Orchestra unter Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla, Sonntag, 9. Juli, 19.30 Uhr, Stadttheater Ingolstadt, Festsaal