Digitalisierung Gemeinschaft ist auch nur eine Dienstleistung

Die digitale Avantgarde des modernen Kapitalismus hat zwei Lösungen für das Problem der Entfremdung entwickelt - beide drohen zu scheitern.

(Foto: Clem Onojeghuo / Unsplash)

Die Firma We Work will das Arbeitsleben revolutionieren - und zeigt, wie das Silicon Valley auch die letzten Reste humanistischer Utopie dem Kommerz opfert.

Von Evgeny Morozov

Der "digital turn" des gegenwärtigen Kapitalismus mit seinem Versprechen auf unmittelbare, ständige Kommunikation hat nicht gerade dazu beigetragen, uns von der Entfremdung zu befreien. Zwar sind unsere Gesprächspartner zahlreich, unser Vergnügen endlos, unsere Pornos schnell geladen und hochaufgelöst - doch unsere Sehnsucht nach Authentizität und Zusammengehörigkeit lässt nicht nach.

Neben den offensichtlichen Therapien für unsere derzeitige Krise der Entfremdung - mehr Buddhismus, mehr Achtsamkeit, mehr digitale Entgiftungs-Camps - hat die digitale Avantgarde des modernen Kapitalismus zwei weitere Lösungen entwickelt. Nennen wir sie den John-Ruskin-Ansatz und den Tocqueville-Ansatz.

Der erste Ansatz wollte die Philosophie der Arts-and-Crafts-Bewegung, deren Initiatoren John Ruskin und William Morris den Wert von Handwerk und Handarbeit priesen, in der Welt der 3-D-Drucker, Laserschneider und digital gesteuerten Fräsen fortschreiben.

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Soziale Netzwerke sollten eine lebendige Zivilgesellschaft begründen

Makerspaces und Fab Labs sollten Zuflucht vor der entfremdenden Büroarbeit bieten und den Arbeitern die Produktionsmittel zurückgeben. "Das Erzeugen materieller Dinge ist einzigartig. Diese Dinge sind wie kleine Stücke von uns und scheinen Teile unserer Seele zu verkörpern", sinnierte Mark Hatch, der CEO der amerikanischen Makerspace-Kette Techshop, in seinem Buch "The Maker Movement Manifesto" von 2014.

Der Tocqueville-Ansatz hingegen bestand darin, Menschen mit digitalen Werkzeugen zu helfen, sich in der realen Welt zu treffen und dadurch viele der von Robert Putnam in seinem Bestseller "Bowling Alone" beschriebenen Entwicklungen umzukehren. Dank sozialer Netzwerke sollten sich Gleichgesinnte finden und Gruppen bilden mit dem Ziel einer lebendigen Zivilgesellschaft im Sinne Alexis de Tocquevilles.

Die Online-Plattform Meetup.com, Anfang der Nullerjahre gestartet, um persönliche Treffen zu ermöglichen, ist ein gutes Beispiel. Ihre Website spielte etwa eine wichtige Rolle für die Bewegung um den damaligen Präsidentschaftsbewerber Howard Dean vor der Wahl von 2004. Und sie trieb viele weitere Entwicklungen auf der ganzen Welt voran, darunter die Cinque-Stelle-Bewegung in Italien, die damals noch nicht mehr war als eine Menge wütender Bürger.

Wie haben sich die beiden Ansätze seither entwickelt? Der John-Ruskin-Ansatz ist auf Schwierigkeiten gestoßen. Makerspaces hatten eine belebende Wirkung auf einige kognitive Arbeiter, die von betäubenden Bürojobs erschöpft waren. Doch verärgerten sie jene, die sich nicht in der glücklichen Position befanden, wenigstens einen sinnlosen Bürojob zu haben.

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Ein Blick auf La Casemate im französischen Grenoble, das kürzlich zerstört und in Brand gesetzt wurde, verdeutlicht dies. Anarchisten bekannten sich zu der Tat und erklärten, der Stadtverwaltung gehe es nur darum, "geldhungrige Start-ups" anzulocken. Die große Revolution der Macher, die Mark Hatch von Techshop noch vor ein paar Jahren voraussagte, verschlingt ihre Kinder: Im November meldete Techshop Konkurs an.

Und wie steht es um den Tocqueville-Ansatz? Hier ist die Situation komplexer. Ende November gab Meetup.com bekannt, dass es von We Work übernommen wurde, einem 20-Milliarden-Dollar-Startup, das Big Data und Immobilien kombiniert, um "Space as a Service" anzubieten - die neueste Variante von "Software as a Service" oder "Infrastructure as a Service", den Kerngeschäften der modernen Technologie-Industrie.