Dieudonné und Frankreich Hilflos gegen Hetze

Dieudonné M'Bala M'Bala vor einem Pariser Gericht: Wenn der französische Komiker wegen Antisemitismus verurteilt wird, macht ihn das nur noch populärer.

(Foto: Ian Langsdon/dpa)
  • Dieudonné steht zwei Mal hintereinander in Frankreich vor Gericht - jedes Mal wegen antisemitischer Ausfälle.
  • Frankreich muss die Hetztiraden des französischen Komikers ahnden; andererseits beschert diesem jeder Prozess mehr Anhänger.
  • Dieudonné selbst beteuert, die Leute doch nur zum Lachen bringen zu wollen.
Von Alex Rühle

Im Grunde ist das Ganze für ihn leider eine weitere Riesenpublicity-Nummer: Dieudonné M'bala M'bala steht vor Gericht, und das gleich zwei Mal hintereinander.

Am Mittwoch wurde der französische Komiker in Paris wegen Verteidigung des Terrorismus zu zwei Monaten auf Bewährung verurteilt für einen Satz, den er am 11. Januar geschrieben hatte: An jenem Sonntag, dem Tag, an dem ganz Frankreich zum Gedenken an die 17 Ermordeten auf die Straße ging, twitterte er: "Was mich betrifft, so fühle ich mich heute Abend als Charlie Coulibaly." In dem Satz hatte der Komiker den Solidarisierungs-Slogan "Je suis Charlie" verquickt mit dem Namen des Attentäters Amédy Coulibaly, der erst eine Polizistin und am Tag darauf vier Juden in einem koscheren Supermarkt erschossen hatte.

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An diesem Donnerstag steht der Sohn einer bretonischen Soziologin und eines kamerunischen Buchhalters erneut vor Gericht, diesmal für einen Satz, den er im vergangenen Jahr geäußert hatte. Nachdem ihn der Radiojournalist Patrick Cohen wegen seiner wiederholten antisemitischen Ausfälle als "krankes Hirn" beschimpft hatte, sagte Dieudonné damals auf offener Bühne: "Wenn der Wind mal drehen sollte, bin ich nicht so sicher, ob er genug Zeit haben wird zum Kofferpacken. Wenn ich Cohen reden höre, denk' ich mir, die Gaskammern . . . schade." Auch in diesem Fall wird mit einer Geldstrafe gerechnet.

Das Problem an diesen Prozessen: Es gibt in Sachen Popularität kaum etwas Besseres für einen Rechtspopulisten, als wenn er seinen Anhängern beweisen kann, dass "die da oben" ihn hassen. Dieudonné legt es geradezu an auf Prozesse, sieben Mal wurde er schon wegen Verleumdung, Verhetzung und Diffamierung verurteilt. Seinen Fans und Verehren brachte er damit jedes Mal einen doppelten Beweis, zum einen für die eigene kühne Aufrichtigkeit, zum anderen dafür, dass das Establishment über die wahren Probleme, die man selber zur Sprache bringt, nicht reden will.

Insofern steckt Frankreich in einer Zwickmühle: Natürlich muss der Staat einschreiten gegen offenen Antisemitismus und Dieudonnés nur dürftig als Satire getarnte Hetztiraden. Alle Gerichtsverfahren, alle Versuche von Kommunen, die Auftritte Dieudonnés zu untersagen, führen aber gleichzeitig dazu, dass der Komiker immer noch mehr Anhänger findet. Gerade erst trat er zwei Mal vor 3000 jubelnden Zuschauern in Lyon auf. Ende des Monats wird er in Avignon und Toulon auf der Bühne stehen, die Veranstaltungen sind jetzt schon nahezu ausverkauft.

Vor den Auftritten verteilen seine Fans Flyer mit dem Slogan "Je suis M'bala M'bala" und behaupten, Dieudonné werde nur verfolgt, weil er schwarz sei. Er selbst sagt, er habe mit seinem Charlie-Coulibaly-Tweet zum Ausdruck bringen wollen, dass er sich selbst verfolgt fühle wie ein Terrorist. Außerdem beteuert er, keines der Urteile gegen ihn zu verstehen, er wolle die Leute nur zum Lachen bringen, genau wie die Karikaturisten von Charlie Hebdo .

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Charlie Hebdo aber wurde im Unterschied zu ihm nie verurteilt wegen Rassenhasses. Das Gesetz verbietet nicht, sich über Religionen lustig zu machen - den Strafbestand der Blasphemie gibt es im laizistisch verfassten Frankreich gar nicht -, es verbietet aber, zum Hass gegen Angehörige dieser Religion anzustacheln.

Dieudonné betreibt seit Jahren antisemitische Hetze: So behauptete er, der Sklavenhandel sei von Juden organisiert worden und holte den Holocaust-Leugner Robert Faurisson auf die Bühne, um ihm durch einen als KZ-Häftling verkleideten Mitarbeiter eine Medaille verleihen zu lassen. Ende Februar reiste er nach Teheran, um dem iranischen Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der sich wiederholt für die Vernichtung Israels ausgesprochen hat, eine goldene "Quenelle"-Statue zu überreichen. Der Quenelle-Gruß ist eine weitere gezielte Provokation des Komikers, eine Abwandlung des Hitlergrußes. Ahmadinedschad nannte Dieudonné bei der Verleihung der Statue einen großen Künstler.