SZ: Zum konkreten Fall. Sie sagen: "Ich war im Februar 1944 als Luftwaffenhelfer in Oberschlesien und habe nie einen Aufnahmeantrag gekriegt."
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Hildebrandt: Richtig. Auch Martin Walser und Siegfried Lenz sagen, sie hätten nie einen Aufnahmeantrag unterschrieben. Es ist ja so: Wir 16-Jährigen steckten damals alle schon in Uniformen. Da kam das Dekret, dass der Jahrgang 1927 bereits ein Jahr früher in die Partei übernommen werden soll. Es kann natürlich sein, dass der Aufnahmeantrag zu mir nach Hause geschickt wurde und meine Mutter ihn unterschrieben hat. Ja, vielleicht war es meine Mutter.
SZ: Man könnte sich ja die Unterschrift auf dem Formular ansehen.
Hildebrandt: Würde ich gerne. Gibt es aber angeblich nicht mehr.
SZ: Martin Walser ließ sich die Unterlagen zuschicken, als er hörte, dass man in dieser Angelegenheit recherchiert.
Hildebrandt: Ich habe den Antrag beim Bundesarchiv ebenfalls gestellt. Dieser Antrag ist wohl noch nicht behandelt worden.
SZ: Dem jetzigen Papst wurde in der britischen Presse ebenfalls die Parteizugehörigkeit in der NSDAP unterstellt.
Hildebrandt: Es heißt, seine Karteikarte sei nicht mehr aufzutreiben. Ratzinger war in der gleichen Situation wie wir. Er war Luftwaffenhelfer und hätte auch in die Partei übernommen werden können.
SZ: Schildern Sie doch mal Ihre Situation im Jahr 1944.
Hildebrandt: Ich durfte seit Sommer 1943 nur noch zu Kurzurlauben nach Hause. Zwei Tage. Eigentlich musste ich als Luftwaffenhelfer in Berlin arbeiten, im Januar 1944 wurden wir nach Ostoberschlesien versetzt. Dort war ich Flakhelfer auf einem Flugplatz. In dieser Zeit spielte die Partei keine Rolle mehr. Es ging nur noch darum, dass man als junger Mensch um Gotteswillen nicht in die SS kommt. Wieso sollte ich ausgerechnet am 20. April 1944, an des Führers Geburtstag, noch in die NSDAP eintreten?
SZ: Und warum sollte Ihre Mutter einen solchen Antrag ausfüllen?
Hildebrandt: Mein Vater und meine Mutter waren Mitglieder der NSDAP. Und all den Historikern, die jetzt sagen, das hätte es in so einem durch und durch organisierten System nicht gegeben, dass die Unterschrift von Eltern ausgereicht hätte, denen sage ich: Schaut euch die Kartei vom Walser an! Da fehlen ja alle möglichen Angaben. So perfekt war das alles dann doch nicht.
SZ: Keine dunklen Flecken in Ihrer Jugend?
Hildebrandt: Ich wusste von dem Antrag gar nichts. Aber ich habe immer offengelegt, dass ich in der Hitlerjugend war. Und ich habe meine Militärzeit stets genau beschrieben.
SZ: Ist Ihr Fall mit dem Fall Grass vergleichbar?
Hildebrandt: Nicht ganz. In einem Wehrertüchtigungslager hatten wir SS-Ausbilder. Das waren die dümmsten Menschen, die mir je begegnet sind. Vor denen hatten wir wirklich Angst. Als die Werber, also die Offiziere der Waffen-SS, dann in die Oberschulen kamen und uns kriegen wollten, da hatten wir vorher einen Tipp bekommen: Es hieß, dass man der SS entkommt, wenn man sich vorher freiwillig für eine andere Waffengattung meldet. Also meldeten wir uns zur Heeresflak. Es mag sein, dass Grass diesen entscheidenden Trick nicht kannte.
SZ: Und beim jungen Hildebrandt gab es keine - wie auch immer geartete - Sympathie mit den Nazis?
Hildebrandt: Es gab den Willen, bei diesem Haufen dabei sein zu wollen. Irgendwann aber ging mir das Kommandieren, Exerzieren und Marschieren auf die Nerven. Deshalb bin ich mit 14 Jahren in die Spielschar abgedriftet. Dort konnte man Theater spielen. Und es gab ein Streichquartett. Das hat mir gefallen.
SZ: Die Zeit danach - Ihre große Zeit als Kabarettist - war das auch eine Form von Aufarbeitung des Erlebten?
Hildebrandt: Aber natürlich. Ich begrüßte eine Regierungsform, die ich bis dahin noch nie erlebt hatte: die Demokratie. Besonders, was die zuvor von den Nazis verfolgten Sozialdemokraten in der Regierung so machten, das hat mir außerordentlich imponiert.
SZ: Warum kommt die Karteikarte Hildebrandt gerade jetzt an die Öffentlichkeit?
Hildebrandt: Ich kann da nur mutmaßen. Meines Erachtens ist die Stimmung bei einigen Journalisten derzeit so: "Was melden sich ständig diese blöden ehemaligen Luftwaffenhelfer zu Wort?" Könnte sein, dass man hier versucht hat, uns mit einem Streich alle loszuwerden. Mit mir persönlich hat das, denke ich, nicht unbedingt etwas zu tun.
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(SZ vom 3.7.2007)
Ich halte diese Kampagne, mit Verlaub gesagt, für einen Fliegenschiss auf einer sonst glasklaren Scheibe, nur das es diesmal selbst den Wischermotor getroffen hat ....
Wahrscheinlich wären wir damals auch alle in der Partei gewesen, warum auch immer. Aber darum geht es doch nicht. Ein 16 Jähriger Sohn einer Familie die in der Nazi Partei ist wird doch ganz sicher über den Antrag zur Partei informiert. Und im Frühjahr 1944 bekam er doch dann sicher auch seinen Parteiausweiss. Oder wie lief das?
Das Herr Hildebrand kein Nazi war oder ist das ist doch gar keine Frage.
Die Frage ist darf man das zugeben ohne sein eigenes Denkmal zu zerstören?
An der Frage klebte Herr Grass auch lange.
mfg
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Haben Sie meinen 2. Halbsatz "oder sich nicht intensiv mit dieser Zeit beschäftigt hat" nicht zur Kenntnis genommen? Sollten Sie auch Geschichte so oberflächlich auslegen, wundert mich Ihr Kommentar nicht. Ihr "Unfug" bedarf dann keiner Erwiderung.
Auch mein "verurteilen" scheinen Sie nicht richtig verstanden zu haben, nämlich von mir bewußt in Anführungszeichen gesetzt. Dazu "Duden" 24. Auflage (S. 32 K 8 )über Anführungszeichen : "2. ironische Hervorhebung; Sie hat "nur" die Silbermedaille gewonnen." Ihre Belehrung daüber wäre entbehrlich gewesen.
Und abschließend ein Exkurs zu Richard von Weizäckers Erinnerungen "Vier Zeiten". Seite 67: "...daß die Kenntnis der Geschichte von uns verlangt, damaliges mit heutigem Bewußtsein nicht gleichzusetzen." Und S. 78: "Wir Soldaten waren damals keine besseren oder schlechteren Menschen als .... oder als unsere Nachkommen, die heute über uns urteilen."
Kann sein, daß Markwort nicht sympathisch ist. Aber an den Fakten und den Ungereimtheiten Hildebrandts kommt man nicht vorbei.
"Hildebrandt: Würde ich gerne. Gibt es aber angeblich nicht mehr.
SZ: Martin Walser ließ sich die Unterlagen zuschicken, als er hörte, dass man in dieser Angelegenheit recherchiert.
Hildebrandt: Ich habe den Antrag beim Bundesarchiv ebenfalls gestellt. Dieser Antrag ist wohl noch nicht behandelt worden. "
Da gibt es einmal die Unterlagen nicht mehr.Im nächsten Satz ist der Antrag noch nicht bearbeitet worden. Honi soit, qui mal y pense....
Auf die unliebsame Journaille nun einzudreschen, ist aber ein sehr klassisches Ablenungsmanöver. Die Vernebeln und die Amnesie Kohlscher Prägung scheint sich zur Volkskrankheit zu entwickeln...
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