"Dieses bescheuerte Herz" im Kino Mainstream-Kino, aber mit Würde

Beste Freunde: Elyas M'Barek (vorn) und Philip Noah Schwarz.

(Foto: Constantin Film Verleih)

"Dieses bescheuerte Herz" mit Elyas M'Barek ist ein wohlkalkuliertes Feel-good-Movie - und schafft es trotzdem, ernsthaft zu berühren.

Von David Steinitz

Der Audi R8, der zu Beginn dieses Films im Pool einer Münchner Vorortvilla versenkt wird, ist mit seinem makellosen dunklen Chromlack, der auch unter der schummrigen Chlorwasseroberfläche strahlend nach oben leuchtet, quasi das Symbolbild für die Ästhetik dieses Films.

"Dieses bescheuerte Herz" ist ein Hochglanz-Vorweihnachtsfilm in wohlkalkulierter Tragikomödien-Balance. Das ist keine kleine Leistung, weil die Deutschen, im Gegensatz zur Autoproduktion, im Genre des Feel-good-Movies nicht gerade Weltspitze sind. Aber der Regisseur Marc Rothemund demonstriert sehr gekonnt, wie man die Mechanismen des Mainstream-Kinos auch hier mit Würde bedienen kann.

Der Arztsohn Lenny (Elyas M'Barek) hat das gängige Alter für die Regelstudienzeit schon lange überschritten und stattdessen das Belasten der väterlichen Kreditkarte als Lebensinhalt perfektioniert. Tagsüber wird geschlafen, nachts zieht er mit seinen Freunden durch die Clubs, und die einzige Sorge, die ihn umtreibt, ist, aus Versehen mit einer Minderjährigen im Bett zu landen. Ach ja, und der Audi im Pool am Ende einer Sauftour, das ist natürlich auch eher ärgerlich.

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte, es kann nicht wahllos Richtung Happy End gehen

Nach diesem Malheur stellt ihn sein Vater (Uwe Preuss), ein gewissenhafter Kardiologe, vor die Wahl: Entweder Lenny kümmert sich um einen seiner Patienten, oder ihm wird der Geldhahn zugedreht. Und so landet Lenny in der Welt des 15-jährigen David (Philip Noah Schwarz), der mit einem schweren Herzfehler geboren wurde und nicht weiß, ob er seinen 16. Geburtstag erleben wird.

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Nach der dramaturgischen Blaupause für ungleiche Filmpaare zicken sich die beiden ein Weilchen an, erleben dann aber doch verbrüdernde Abenteuer im Stripclub und auf der Intensivstation, weil sie natürlich viel voneinander lernen können. Der todkranke Junge bekommt einen großen Bruder und Ablenkung vom ewigen Kreislauf aus Untersuchungen und Notarzteinsätzen; und der Lebemann bekommt eine Lektion in Sachen Verantwortung-Übernehmen.

Das klingt ein bisschen wie eine Raubkopie von "Ziemlich beste Freunde" und sieht stellenweise auch so aus. Das Drehbuch hangelt sich an so manchen Nebenfiguren entlang, die über ein Schablonendasein kaum hinauskommen und alle Klischees des Genres bedienen. Ein Beispiel: Es gibt im Krankenhaus des Vaters natürlich eine Assistenzärztin, die natürlich Julia heißt und natürlich sehr hübsch ist und den Lebemann natürlich sehr kritisch sieht, aber natürlich unter der harten Schale einen weichen Kern erkennt und natürlich zu seiner Läuterung beiträgt, indem sie am Schluss, natürlich, als Freundin an seinem Arm hängt.

Außerdem gibt es selbstverständlich auch den genreobligatorischen Indie-Pop-Soundtrack. Melancholisch, aber letztlich doch lebensbejahend, damit der Zuschauer immer genau weiß, wie er sich zu fühlen hat, und nicht zu schlecht gelaunt aus dem Kino kommt, um den Film weiterempfehlen zu können.

Aber da "Dieses bescheuerte Herz" lose von einer wahren Geschichte inspiriert wurde, steuert Marc Rothemund nicht wahllos Richtung Happy End. Der Regisseur hat mit der tragikomischen Bearbeitung von Krankheiten schon Erfahrung, zuletzt hat er "Heute bin ich blond" und "Mein Blind Date mit dem Leben" gedreht, ebenfalls nach realen Geschehnissen, aus denen Sachbücher entstanden.

Das "Herz" basiert auf dem Buch von Daniel Meyer und Lars Amend. Meyer ist herzkrank und hatte eine Liste mit Dingen angefertigt, die er vor seinem Tod noch erleben wollte. Coole Klamotten tragen, einen Sportwagen fahren, eine Frau nackt sehen. Wovon man mit 15 eben so träumt - vor allem wenn die Zeit knapp wird für all die Aktivitäten. Der Journalist Amend half ihm dabei; das Buch ist Zeugnis dieser Geschichte. Meyer ist weiterhin todkrank, lebt aber noch, mittlerweile ist er 20.

Sein Leben im Kinderhospiz erzählt Rothemund nicht so glattgebügelt und reißerisch, wie man es aus der restlichen Filmhandlung und ihren komischen Momenten ableiten könnte. Das Leben seines Protagonisten zeigt er als einzigen Hindernisparcours mit Tablettenladungen, die ein Erwachsener kaum runterbekommen würde, mit der Sauerstoffflasche, die immer griffbereit sein muss, mit dem Notarztwagen, der immer in der Nähe parken muss. Diese Realität des Überlebenskampfes, nicht als Ausnahme, sondern als Alltag, nagt sich eindrucksvoll auch durch den härtesten Kitschfaktor.

Dieses bescheuerte Herz, Deutschland 2017 - Regie: Marc Rothemund. Buch: Maggie Peren, Andi Rogenhagen. Kamera: Christof Wahl. Mit: Elyas M'Barek, Philip Noah Schwarz, Nadine Wrietz, Lisa Bitter, Uwe Preuss. Constantin, 104 Minuten.

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