Von Susan Vahabzadeh

In den US-Kinos ist die Welt noch in Ordnung. In Deutschland hingegen gehen die Besucherzahlen zurück - obwohl es immer mehr Filme gibt.

Die Erfahrung, dass wir lange nicht so globalisiert sind, wie wir manchmal fürchten, macht auch die Kinobranche immer wieder. In den USA hat die Finanzkrise einen Ansturm auf die Kinos ausgelöst. In Deutschland aber kann von Zuwachs keine Rede sein, die Kino-Besucherzahlen fürs erste Quartal waren sogar rückläufig im Vergleich zum deutschen Kino-Boomjahr 2008.

Bild vergrößern

Cate Blanchett und Brad Pitt in einer Szene ihres Films "Der seltsame Fall des Benjamin Button". (© Foto: dpa/Warner Bros.)

Anzeige

Für die rückläufigen Zahlen gibt es viele Gründe. Es müssten ein paar Kassenschlager her, um den Trend noch umzudrehen. In der vergangenen Woche ist "Wolverine" mit großem Erfolg gestartet, in dieser sollen die Kids sich fürs generalüberholte Raumschiff Enterprise begeistern - der neue "Star Trek"-Film soll jüngere Publikumsschichten mit moderner Action ansprechen. Und nächste Woche folgt dann "Illuminati" mit Tom Hanks, dessen Vorgänger "Sakrileg" 2006 bei uns mehr als fünf Millionen Besucher hatte.

Es bleibt eben dabei: Richtig wichtig an der Kinokasse sind Actionfilme und Komödien - und für die Filmproduzenten bleiben offensichtlich die Jugendlichen die zentrale Zielgruppe. Die Rückeroberung der verlorenen älteren Publikumsgeneration steht als Idee immer wieder im Raum, besonders dann, wenn sicher ist, dass sich Jugendliche für Internet und Playstation mehr begeistern als fürs Kino. Aber ein echter Trend zu erwachseneren Filmen und etwas gesetzterer Atmosphäre in den großen Kinos ist einstweilen nicht erkennbar. Dabei hat Andreas Dresens "Wolke 9" über ein spätes Liebespaar bewiesen, dass es funktioniert.

Terminschwierigkeiten

Das liegt nicht nur am Desinteresse der Kids. Es werden zu viele Filme gestartet, oft zu unsinnigen Terminen. Bei den US-Produzenten ist, auch wegen der nationalen Auswertung der Filme, in den letzten Wochen die eigene Filmstart-Politik ins Visier geraten, und die war tatsächlich nicht immer klug: Im Sommer gibt es Action, zu Weihnachten gibt es Kinderfilme, und in den paar Wochen vor der Oscarzeremonie wird alles verschleudert, was eine absehbare Chance hat, nominiert zu werden.

Das bedeutet, dass Filme der selben Art für dieselbe Zielgruppe sich gegenseitig das Publikum streitig machen. Die Oscar-Anwärter "Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Frost/Nixon", "Milk" und "Der Vorleser" wurden in Deutschland hintereinanderweg gestartet - mit der Folge, dass alle nur mittelprächtig liefen. Vor allem aber werden die Kinos mit Filmen überschwemmt. Neun oder zehn neue Filmstarts in einer Woche sind inzwischen die Regel - was sehr wohl bedeuten kann, dass die Besucher wegbleiben, weil sie längst den Überblick verloren haben. Wie bei einem viel zu vollgepackten Teller, der einem den Appetit verdirbt.

Das betrifft auch den deutschen Film. Der ist inzwischen in jeder Woche mehrmals vertreten, aber nur ein Bruchteil dessen, was ins Kino kommt, hält sich dort länger als ein paar Tage. Breloers "Buddenbrooks", zu Weihnachten gestartet, haben mit zwei Millionen Besuchern die Erwartungen übertroffen, der Rest konnte die Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, nicht erfüllen: "John Rabe" hat noch keine 100.000 Besucher geschafft, "Hilde" hatte nur 325 000. Mario Barths merkwürdige "Männersache" liegt bei 1, 8 Millionen - Til Schweigers "Keinohrhasen", 2008 der große Erfolg, hatte immerhin 6,2 Millionen Zuschauer.

Das Geld wird weniger

Oft versagt die Qualitätskontrolle. Das Jennifer Aniston/Owen Wilson-Vehikel "Marley & ich", im März gestartet, hat zwei Stars und einen Hund, was schon mal eine ganz gute Voraussetzung ist für einen Erfolg - man ist sich aber doch recht sicher, dass vor zwanzig, dreißig Jahren der Produzent den Drehbuchautor gezwungen hätte, sich für die drei eine fortlaufende Geschichte auszudenken, statt auf heruntergespulte Episoden zu vertrauen. Und dann hätte der Film vielleicht auch mehr geschafft als eine knappe Million Besucher.

Was den deutschen Film angeht, so hat die Allianz der Produzenten schon vor ein paar Wochen beklagt, viele Projekte müssten aus Geldmangel abgesagt werden; in den USA wird die Kapitaldecke ebenfalls dünner, und es sind weniger Filme geplant. Das ist fürs Kino nicht unbedingt eine schlechte Nachricht - besonders nicht, wenn weniger Filme, dafür mit mehr Sorgfalt produziert werden.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Eigentümer der Lebensläufe

Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...

(SZ vom 9.5.2009/vw)