Es war der größte Arzneimittelskandal der BRD: Das Schlafmittel Contergan, einst als Wunderpille gefeiert, lässt tausende Kinder ohne Arme und Beine auf die Welt kommen. Jahrzehnte danach erinnert man sich höchst ungern: Ein Spielfilm über Contergan muss im Archiv bleiben.
Es hat einen Grund, dass fast alle Filme ohne einen Hinweis darauf beginnen, dass die Geschichte, die sie gleich erzählen werden erfunden ist; man geht davon aus. Aber es gibt Ausnahmen. Die eine beginnt mit der Wendung von der "wahren Begebenheit" und streift sich damit den Mantel des Authentischen über. Die andere beginnt mit einer Variation von "frei erfunden" und versucht sich so Luft zu verschaffen, weil ihr eben dieser Mantel sitzt wie eine Zwangsjacke.
Der Film "Eine einzige Tablette" ist zu nah an der Wirklichkeit. (© Foto: dpa)
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Der Film "Eine einzige Tablette" beginnt gleich mit beiden Hinweisen. Er erklärt, er beruhe er auf einem historischen Stoff, die handelnden Personen aber seien frei erfunden. Dieser Stoff, das ist der größte Arzneimittelskandal der Bundesrepublik.
Die einzige Tablette, das ist das Schlafmittel Contergan, und die handelnden Personen, das sind jene, die das Mittel hergestellt haben, und es ist jener, der dafür kämpfte, dass es vom Markt kam. Der Film hätte schon im November vergangenen Jahres in der ARD gezeigt werden sollen.
Fiktive Wahrheiten
Er hat fünf Millionen Euro gekostet, er ist fertig, aber seine Ausstrahlung wurde verboten. Alles, was man zur Zeit von ihm sehen kann, ist, wie Richter inzwischen den Abstand bemessen, den die Kunst von der Wirklichkeit zu nehmen hat, wenn sie diese bearbeiten will.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen Anwalts und seiner Frau. Es ist Anfang der sechziger Jahre, die Bundesrepublik richtet mit Fernsehapparat und Waschmaschine ein. Das Leben nimmt Aufschwung. In den Fabriken stehen die Bänder nicht mehr still.
Alles muss auf Knopfdruck kommen, selbst der Schlaf. Contergan, das angeblich nie tödlich wirkt, soviel man davon auch nimmt, ist die Tablette des Wirtschaftswunders. Eine nur hat die Frau das Anwalts genommen, als sie schwanger war, dann geht sie ins Krankenhaus, und das Leben, wie sie es sich vorgestellt hat, gibt es nicht mehr.
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65. Filmfestspiele Cannes
... und wahrscheinlich würde doch nur wieder kurz vor Mitternacht laufen. Wegen des angenommenen nur partiellen Interesses der Zuschauer und der selischen Belastung. Ich höre die scheinbar besorgten Entschuldigungen schon im Ohr.
Denn so ein FIlm könnte mal kurz aufzeigen, wie sich schienbar unproblematische Produkte über viele Jahre zu Monstern entwickeln können. Dass viele Gefahren in der Biologie nicht gleich morgen deutlich werden, sondern erst nach langen Zeiträumen und an oft völlig unerwarteter Stelle, mit umso grausameren Folgen.
Und dann sollte man das Filmchen mal allen zeigen, die Mobiltelefonie, Atomenenergie, E-Cocktail im Industriefood, Genfood und dergleichen gern schnell als ungefährlich, ja wünschenswert apostrophieren, nur weil in ein paar Jahren industrieseitig bezahlter Suche nach eng begrenzten Spezialfällen - jene Zelle vielleicht, oder diese Krebsform? Nein, doch nicht - kein eindeutiges Gefährdungspotential festgestellt wurde.
Denn die Unsicherheit gilt immer nach beiden Seiten: Wenn keine Gefährdung festgestellt wird, heitß das noch lange nicht, dass die Ungefährlichkeit festgestellt wurde. Aber nicht nur die Industrie, auch die Medien haben ein sehr kurzes Gedächtnis und lassen simple Logik und Wahrscheinlichkeitsrechnung nur auf der Seite der Warner zu; die Apologeten aber dürfen alles behaupten. Es ist ja Fortschritt. Auch Contergan war mal Fortschritt.
Endlich mal eine Gelegenheit, dass die ARD zeigt, ob GEZ
für Internet gerechtfertigt ist. Sucht euch ein Land, in dem
Klagen keinen Erfolg haben, stellt einen Server dort auf,
und streamt das ganze ins Netz.
Das würde alle GEZ-Zweifler überzeugen.
Dazu wäre allerdings eins nötig: Mut.
Nee, das haben Fernsehmacher nicht.