Familien-Soap am Grünen Hügel: "Die Wagners" - oder wie eine Dynastie entstand.
In Abwandlung eines Schüttelreims des großen Pianisten Arthur Schnabel, könnte man den Beginn dieser Familiensaga durch inzwischen vier Generationen hindurch am besten so beschreiben: Am Anfang war auch Wagner nur das Ende einer Nabelschnur.
Anzeige
Dieser Anfang geschah am 22. Mai 1813, Richard erblickte als neuntes Kind des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wagner und der Bäckerstochter Johanna Rosine im Leipziger Gasthof "Zum roten und weißen Löwen" das Licht der Welt.
Der Vater starb wenige Monate später, die Mutter heiratete 1814 den Schauspieler und Schriftsteller Ludwig Geyer. Gerüchte, dass Geyer der wahre Vater Richards gewesen sei, wurden nie vollständig entkräftet.
Treffen mit Liszt
Die andere Monumentalfigur am Fuße der Bayreuther Dynastie ist Franz Liszt, nur zwei Jahre älter als Wagner. Die beiden begegneten sich 1840/41 in Paris, da wurde Liszt als der größte Klaviervirtuose seiner Zeit gefeiert, Richard war dagegen noch bitterarm und keineswegs erfolgreich.
Die beiden Männer verstanden sich musikalisch gut. Zu jener Zeit war Wagner mit der Schauspielerin Minna Planer verheiratet. Liszt lebte seit 1833 mit der Gräfin Maria D'Agoult zusammen, die wegen des Pianistengenies "mit den großen meergrünen Augen" ihren Mann verlassen hatte.
Drei Kinder gingen aus dieser nichtehelichen Beziehung hervor: Blandine geboren 1835, Cosima 1837 und Daniel 1839. Im Mai 1853 in Paris begegneten sich Richard und Cosima zum ersten Mal. Die Ehe mit Minna hatte längst Risse, beide hatten außereheliche Affären, 1862 trennten sich die beiden endgültig.
Cosima hingegen hatte 1857 den Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow geheiratet, die Hochzeitsreise führte das junge Paar zu Wagner nach Zürich. Aber da war noch mehr, 1863 war es in Berlin so weit: Richard und Cosima bekannten sich zu ihrer Liebe.
Schützender König
Ein Jahr später konnte Richard sich dank des bayerischen Königs Ludwig II. vor Gläubigern und Steuerfahndern retten, lebte zwei Monate am Starnberger See mit Cosima zusammen, dann in der Brienner Straße.
Am 10. April 1865 entsprang diesem ehebrecherischen Verhältnis Isolde. Cosima hatte jedoch aus der Ehe mit Hans von Bülow bereits zwei Töchter, Daniela und Blandine.
Nachdem Richard und Cosima München verlassen mussten, fanden sie Asyl in Tribschen am Vierwaldstädter See. Dort kam Eva am 17. Februar 1867 zur Welt, und 1869 wurde Sohn Siegfried geboren. Erst 1870 wurden Cosima und Hans von Bülow geschieden.
Despotische Lordsiegelbewahrerin
Seit 1874 lebte die Wagner-Familie in Bayreuth im Haus Wahnfried. 1876 gingen die ersten Festspiele über die Bühne des nach Plänen Wagners gebauten Opernhauses. Nach seinem Tod 1883 wurde Cosima zur despotischen Lordsiegelbewahrerin von Werk und Idee ihres Geniegatten.
Sohn Siegfried wollte zuerst Architekt werden, wandte sich dann doch der Musik zu und wurde Chef der Festspiele unter der Fuchtel der eisernen Mutter Cosima, die trotz Siegfrieds Homosexualität auch die Heirat 1915 mit der kaum weniger eisernen Winifred Williams organisierte.
Dass Siegfried schon 1901 einen außerehelichen Sohn mit einer Pastorengattin gezeugt hatte, passt in die Wagner'sche Affärentradition. Seine ältere Schwester Eva heiratete Houston Stewart Chamberlain, den Haupttheoretiker des von Richard und Cosima heftig propagierten Antisemitismus.
Vier Stämme
Aus der Ehe Siegfried-Winifred gingen binnen vier Jahren die vier Stämme hervor: Wieland 1917, Friedelind 1918, Wolfgang 1919 und Verena 1920. Siegfried und Cosima starben im gleichen Jahr 1930. Winifred übernahm das Regiment über Familie und Festspiele.
Adolf Hitler wurde gern gesehener Gast im Hause Wahnfried. Während man sich mit dem "Onkel Wolf" und seinem Regime gut arrangierte, verließ Tochter Friedelind 1939 Deutschland, wurde amerikanische Staatsbürgerin, schrieb das Erinnerungsbuch "Nacht über Bayreuth" und kehrte erst 1953 nach Deutschland zurück.
In Wieland, den leider auch Hitler sehr schätzte, lebte der geniale Funke aus der Liszt-Wagner-Kombination weiter, so wurde er die künstlerisch zentrale Gestalt von Neu-Bayreuth nach 1945. Aus seiner Ehe mit Gertrud Reisinger stammen wieder vier Kinder: Iris 1942, Wolf Siegfried, genannt "Wummi" 1943, Nike 1945 und Daphne 1946.
42-jährige Alleinherrschaft
Nach Wielands Tod 1966 wurde Wolfgang alleiniger Chef der Festspiele - bis Anfang August 2008. Aus der ersten Ehe mit Ellen, geb. Drexel, kommen Eva 1945 und Gottfried 1947, aus der zweiten mit Gudrun, geb. Armann, Katharina 1978. Der vierte Stamm der Schwester Verena, die Bodo Lafferentz heiratete, ist mit fünf Kindern gesegnet: Amelie 1944, Manfred 1945, Winifred 1947, Wieland 1949 und Verena 1952.
Angesichts der Zerklüftungen zwischen den Stämmen Wielands und Wolfgangs möchte man den Blick gleich in die Zukunft richten, frei nach dem alten Bauernkriegslied: Zerstritten ziehen sie nach Haus, die Ururenkel fechten's besser aus.
(SZ vom 29.04.2008)